Was ist Stormchasing?

Stormchasing / Gewitter- bzw. Sturmjagd

oder auch

“Komm, lass uns 500 km ins schlechte Wetter fahren um dort nach Wolken zu schauen!”

Was?
Sturmjagd, Gewitterjagd oder engl. stormchasing bezeichnet das gezielte Anfahren von Gewitterstürmen. Die verfolgten Unwetter werden dabei mit    Hilfe von Foto- und Videokameras dokumentiert, teilweise werden auch meteorologische Daten gesammelt. Ein Sturmjäger sollte dabei nicht mit dem ebenfalls existierenden Stormspotter verwechselt werden. Während der Sturmjäger nicht auf die Gewitterstürme wartet, sondern ihnen gezielt entgegen oder hinterher fährt, dokumentiert der Spotter die Ereignisse von einem festen Ort – meist dem eignen Zuhause – aus.

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Wofür?
Sturmjäger ist kein Beruf und der Großteil der Sturmjäger betreibt diese Beschäftigung als ein Hobby. Geld lässt sich damit i.d.R. kaum verdienen, zumindest nicht direkt. Die Vermarktung von Bild- und Videomaterial kann u.U. jedoch ein wenig zur Kostendeckung beitragen. In erster Linie ist das Jagen von Gewittern also eine reine Freizeitbeschäftigung. Allerdings sind viele Sturmjäger auch Mitglieder bei Skywarn e.V., einem Verein, dessen Mitglieder beobachtete Wetterphänomene telefonisch u.A. an Wetterdienste (DWD) und andere Einrichtungen wie Feuerwehren melden. Die Meldungen dienen zur besseren, genaueren und schnelleren Warnung vor Unwettern. Diese Vorgehensweise stammt aus den USA, wo den Sturmjägern/-spottern eine extrem wichtige Funktion bei der zeitnahen Warnung vor gefährlichen Tornados zukommt. Sie sind dabei quasi die Augen vor Ort. Auch ich melde als sog. Advanced Spotter meine Beobachtungen telefonisch an Skywarn.
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Wie?
Es ist nicht so, dass sich erfolgreiche Sturmjäger einfach ins Auto setzen und losfahren, sobald sie am Horizont ein Gewitter erkennen. Für mich persönlich zumindest gliedert sich die Sturmjagd in mehrere Bereiche:
Vorhersage, auch forecast genannt: Mit diesem Teil beginnt man i.d.R. bereits ein bis drei Tage vor dem eigentlichen Gewittertag. Einige Sturmjäger sind auf dem Gebiet der synoptischen Meteorologie recht gut geschult, wobei das Wissen meist autodidaktisch angeeignet wurde. Die Vorhersage von Gewittern ist extrem schwierig und stellt auch gelernte Meteorologen vor große Herausforderungen. Dennoch ist dieser Punkt sehr wichtig für eine spätere, erfolgreiche Gewitterjagd! Beim forecast geht es darum, mit Hilfe der zur Verfügung stehenden Wetterdaten eine möglichst genaue Vorhersage dafür zu erstellen, wann und wo Gewitter auftreten, wie sich diese verhalten, wohin sie ziehen und mit welchen Gefahren zu rechnen ist. Dafür stehen Satellitenbilder, Daten von Wetterstationen sowie die Daten von diversen Computermodellen wie GFS, WRF, GME und COSMO zur Verfügung. Je genauer/besser der forecast ist, desto besser ist man am Tag X positioniert. Erfahrung ist auf diesem Gebiet sehr hilfreich und führt zu einem Bauchgefühl, welches nicht selten genau richtig liegt.

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Nowcast: Am Tag X werden die aktuellen Entwicklungen wie z.B. das Satellitenbild, die Temperaturen/Taupunkte und die Windrichtung mit dem abgeglichen, was zuvor für diesen Zeitpunkt vorhergesagt wurde. Nicht selten ergeben geringfügig abweichende Parameter ein ganz neues Bild der Situation. Auch bereits existierende Gewitter müssen in weitere Kalkulationen mit einbezogen werden. Das nowcasting startet am Morgen von Tag X und wird auch während der eigentlichen Sturmjagd weitergeführt.
Entscheidungsfindung: Je nach Lage muss man sich dann entscheiden, ob man losfährt und wenn ja, wann und wohin. Diese Entscheidungen fallen manchmal sehr schwer. Grundlage für diese Entscheidungen ist i.d.R. der Forecast/Nowcast.
Die Jagd: Hier kommt es nun auf die Situation an. Fährt man von zuhause eine bereits existierende Gewitterzelle an, so sind der Aufbruch und die Anfahrt in aller Regel schon recht hektisch und stressig. Die aktuelle Entwicklung der Gewitterzelle muss mit der Straßenlage abgeglichen werden. Die Navigation ist hierbei besonders anspruchsvoll. Dabei ist das mobile Internet von großem, ja fast unschätzbarem Wert. Dadurch können die weiteren Entwicklungen durch Niederschlagsradars und aktuelle Wetter-/Satellitendaten abgeschätzt werden. Fährt man frühzeitig los, ist die Anfahrt i.d.R. noch recht entspannt und man muss u.U. am Zielort sogar noch einige Zeit totschlagen, bevor es los geht. Dabei sollte man jedoch stets sehr wachsam sein, denn die Gewitterbildung erfolgt oft rasant!

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Ziel: Was das Ziel bei der Sturmjagd angeht, so kommt es wohl ganz auf den Typus des Sturmjägers und auf die jeweilige (Gefahren-)Situation an. Man kann ein Gewitter aus sicherer Distanz von einigen Kilometern beobachten oder sich deutlich weiter nähern. Es ist auch möglich, quasi unter dem Gewitter zu stehen (niederschlagsfreier Aufwindbereich) oder in/durch den Kern der Zelle zu fahren (core punch). Die Gefahren wie Sturm, Hagel, Tornados, Blitzschlag, Aquaplaning oder Überflutungen sollte man jedoch immer im Hinterkopf behalten. Abhängig davon, welche Variante man wählt, bekommt man unterschiedliche Phänomene zu Gesicht. Den hämmernden Hagel wird man nur im Kern der Gewitterzelle erleben – wenn überhaupt, denn nur wenige Gewitterzellen produzieren tatsächlich größeren Hagel. Eine von Blitzen schön ausgeleuchtete Gewitterwolke bei Nacht wird man wiederum nur aus einiger Entfernung dokumentieren können. Das Ziel entscheidet auch darüber, wie und von welcher Richtung aus man eine Gewitterzelle anfahren muss und welche Maßnahmen man ergreifen muss, wenn sie sich nähert. Man kann sich „überrollen“ lassen, mit der Zelle parallel mitfahren oder sich wieder deutlich vor die Zelle setzen um diese dann wieder näher kommen zu lassen.

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Probleme?
Das beschriebene hört sich evtl. recht simpel an, erweist sich aber in der Realität selbst mit viel Erfahrung regelmäßig als extrem schwierig. Die Problemquellen sind sehr vielfältig:
  • Fehler beim Forecast; dadurch falsche Positionierung/falsches Timing oder Gewitterbildung findet nicht statt obwohl geplant bzw. findet statt obwohl nicht geplant; Flop/Bust (worst case, z.B. wenn Deckel zu groß)
  • Fehler bei der Anfahrt: Zu späte Abfahrt; Falsche Route und zu langsames Vorankommen; Staus
  • Fehler bei der Jagd: Zelle zu schnell unterwegs; Zelle stirbt; falsche Zelle angefahren; nicht beachtete Neubildungen; Straßenlage oder Begleiterscheinungen wie Hagel/Aquaplaning falsch eingeschätzt, dadurch zu langsames Vorankommen; Zelle verhält sich unvorhersehbar; Staus/verkehrsreiche Städte
  • Fehler bei der Dokumentation: Betrifft hauptsächlich die Hardware (Foto-/Videokameras) und deren Bedienung: Fehlfokus; Speicherkarte voll/vergessen; Unpassende Kameraeinstellungen; Verwackelte Bilder; Falsche Brennweite; Motiv einfach vergessen; Akkuprobleme

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Herausforderungen?
Man sollte meinen, dass das Jagen von Gewitterzellen eine an sich recht simple Angelegenheit ist. Schließlich ist so ein Gewitter ja nicht zu übersehen. Und etwas in dieser Größe zu verfehlen scheint schwer möglich. Das Gegenteil ist allerdings der Fall! Das Bild- und Videomaterial zeigt dabei letztlich nur die Spitze des Eisbergs und ist das Ergebnis einer logistischen Meisterleistung.
Die erste große Herausforderung ist eine möglichst genaue Vorhersage der Gewitteraktivität am Tag X. Dies ist selbst mit modernster Computertechnik extrem schwierig und stellt jeden Meteorologen vor große Herausforderungen. Die Großwetterlage lässt sich i.d.R. noch recht gut für einige Tage vorhersagen. Bei Gewitterzellen handelt es sich jedoch um ein vergleichsweise kleines Phänomen, welches nicht selten einfach durch das Raster der Wettermodelle fällt. Weiterhin ist die Interpretation der vielen Wetterkarten/Parameter, welche bei der Gewitterbildung eine Rolle spielen alles andere als einfach. Es ist daher neben fundierten Kenntnissen auf dem Gebiet der Synoptik auch einiges an Erfahrung notwendig, um hier halbwegs zutreffende Prognosen erstellen zu können. Persönlich betreibe ich diese Vorhersage fast jeden Tag. Allerdings hängt es ganz von der Wetterlage ab, wie intensiv dies geschieht. An wettertechnisch eher uninteressanten Tagen reicht meist ein kurzer Blick in die Karten und nach wenigen Minuten weiß man, wie es die nächsten 24 h bestellt ist. Stehen jedoch spannende Wetterlagen ins Haus, so kann das „Forecasten“ ziemlich zeitintensiv werden. Dann geht es wirklich darum zu sagen, wann sich was warum wo bildet und wohin es ziehen wird. Man schaut nach Trends in den unterschiedlichen Wettermodellen und in den verschiedenen Läufen. Dabei erarbeitet man sich ein Zielgebiet, dessen Größe möglichst klein sein sollte. Dieses Zielgebiet wird dann angesteuert. Leider ist es so, dass sich häufig die verschiedenen Wettermodelle wiedersprechen, klare Trends nur selten erkennbar sind und Gewitterlagen auch von einem Modelllauf auf den nächsten quasi komplett heraus gerechnet werden können. Zusätzlich Anhaltspunkte können auch die synoptischen Übersichten von diversen Wetterdiensten geben.

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Eine weitere große Herausforderung ist das Anfahren der Zelle an sich. Dies beinhaltet den Abgleich der aktuellen Situation (Niederschlagsradar/aktuelle Wetterdaten) mit der eigenen Position und der Straßenlage. Gleichzeitig muss immer bereits in die Zukunft gedacht werden, sowohl was das Verhalten der Gewitterzelle angeht, als auch die Infrastruktur am Boden. Ein typisches Zielgebiet an einem Gewittertag umfasst viele tausend Quadratkilometer. Eine typische Gewitterzelle mit ca. 50-100 km² ist vergleichsweise klein. Dazu kommt, dass hier meist nur wenige km² wirklich interessant sind (Aufwindbereich/Kern). Ganz entscheidend ist dabei, aus welcher Richtung man sich dem interessanten Bereich nähert. Manchmal muss man dabei auch erst durch den Kern der Zelle fahren (core-punch). Jedenfalls stellt eine Gewitterzelle ein extrem dynamisches System dar, das sich nicht selten mit ca. 40-60 km/h verlagert – und dabei häufig auch unvorhersehbare Muster an den Tag legt (Anbau in einer Richtung, Neubildungen, zyklisches Verhalten). Dabei zieht die Zelle Luftlinie, während man als Verfolger am Boden auf den Straßenverlauf und die Topografie angewiesen ist. Daher ist eine Verfolgungsjagd fast immer extrem schwierig, aufreibend und stressreich. Aus diesen Gründen sollte man – sofern möglich – vor der Zelle und damit quasi in ihrer Zugabahn stehen. Dies zu realisieren ist allerdings ebenfalls ziemlich schwierig. Letztlich ist bei diesem Hobby nicht selten auch ein Quäntchen Glück nötig, damit man zur richtigen Zeit am richtigen Ort steht!
Warum?
Warum betreibt man eine solch exotische Freizeitbeschäftigung, die darüber hinaus durch die geschilderten Probleme nicht selten auch Frust mit sich bringt? Diese Frage kann ich nicht pauschal beantworten. Ich spreche daher im Folgenden nur für mich:
Als Kind fürchtete ich mich sehr vor Gewittern. Diese Furcht wich aber nach und nach Faszination und großer Begeisterung. Wenn ich unter dem Aufwindbereich einer mächtigen Gewitterwolke stehe, dann fühle ich etwas, das sich mit nichts anderem vergleichen lässt. Es ist eine Mischung aus Freude, Ehrfurcht, Angst, Demut, Spannung, Magie und Genugtuung. Ich fühle mich im Einklang mit der Natur und gleichzeitig sehr geerdet. Die Symmetrie und die Dynamik der Gewittersysteme ist häufig atemberaubend und wenn man etwas physikalisch-meteorologischen Background hat, dann weis man auch um die enorme Energie und Macht, die in einem solchen System steckt. Es ist vermutlich die schöne Verpackung roher Gewalt, die eine solche Anziehungskraft ausübt.
Die Jagd an sich macht dabei natürlich einen ganz eigenen Reiz aus. Wenn man es trotz widriger Umstände schafft zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, dann verursacht das natürlich Freude und Genugtuung.

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Explizit erwähnen möchte ich zum Schluss, dass mein persönlicher Antrieb weder etwas mit Sensationsgeilheit noch mit dem sog. Katastrophentourismus zu tun hat. Leider ist es so, dass der Grad der Fotogenität eines Unwetters häufig mit dem Grad an verursachten Zerstörungen korreliert. Viele der sehr beeindruckenden Gewitterzellen sind Superzellen, welche mit großem Hagel, Sturm und evtl. sogar Tornados auch oft für große Verwüstungen sorgen. Als Sturmjäger bewegt man sich daher immer auf einem sehr schmalen Grat zwischen Freude/Euphorie und Demut. Speziell bei der Dokumentation der angerichteten Schäden begegnet man oft Menschen, die teilweise viel von ihrem Hab und Gut erst vor wenigen Augenblicken verloren haben. Die Reaktion auf Leute mit Kameras ist dann verständlicherweise eher abgekühlt. Für das Auftreten von Unwettern ist aber gottseidank niemand auf Mutter Erde verantwortlich. Zudem profitieren sogar die Betroffenen versicherungstechnisch nicht selten von einer ausführlichen und sauberen Dokumentation der Ereignisse.
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