Sturmjagd – Behind The Pictures

Dieser Bericht soll sich nun auch einmal der anderen Seite meiner Leidenschaft widmen. Als Außenstehender kann man beim Lesen der Artikel und Bildberichte sicher leicht den Eindruck gewinnen, dass das Jagen von Gewittern eine recht simple Angelegenheit sein muss, gibt es doch hier jedes Jahr aufs neue jede Menge Bilder von schönen Gewitterzellen zu sehen, manchmal sogar von gleich mehreren an einem einzigen Tag. Was kaum wo steht und was in der zwischenzeitlich sehr von einem gewissen „Erfolgsdruck“ getriebenen Community auch vergleichsweise wenig Erwähnung findet, ist die Tatsache, dass die gezeigten Bilder nur die Spitze des Eisbergs sind. Dieser Bericht soll zumindest Teile des restlichen Eisbergs zeigen.
Es mag nicht verwunderlich sein, dass es durchaus Tage gibt, an denen falsche Entscheidungen dazu führen, dass man abends oder in der Nacht ohne brauchbares Bildmaterial nach Hause kommt. Dies sind z.B.
  • Falsches Zielgebiet (Fehler bei fore- und nowcast)
  • Zeitprobleme (Zu spätes Losfahren, Verkehr)
  • Falsche Zelle angefahren (Neuentwicklungen, Zelle stirbt)
  • Verhalten der Zelle falsch eingeschätzt (right- bzw. leftmover, Zelle zu schnell –> cold pool, orografische Lenkung)
  • Falsches Positionieren vor der Zelle
  • usw.
Die Fehlerquellen sind jedenfalls vielfältig und ich habe manchmal das Gefühl, dass man eigentlich mehr falsch machen kann als richtig. Daher gehört neben viel Erfahrung, die für das gewisse Bauchgefühl sorgt, auch immer wieder eine Portion Glück dazu.
Anders herum gesagt: Selbst wenn man eigentlich alles richtig macht, garantiert das noch lange keine guten Bilder. Natürlich lässt sich nach einem „bust“ retrospektiv fast immer herausfinden, wieso es letztendlich schiefgelaufen ist und eine genaue Analyse der Bodendaten reicht manchmal schon aus, um sich am Abend an den Kopf zu fassen und zur Erkenntnis zu kommen, dass es schon gereicht hätte weiter nach Osten oder Norden zu fahren. In der Situation selbst, in der man für das Treffen der Entscheidungen manchmal nur Minuten hat und Fehlentscheidungen häufig nicht ohne weiteres korrigiert werden können, ist das aber natürlich nicht so einfach. Ich möchte das nun mal an einigen noch recht aktuellen Beispielen etwas veranschaulichen.

 

A) Bust in Bayern am 19.05.17 (über 700 km)
Gewitterlage im östlichen Teil Deutschlands, Target war Ost- und Südostbayern. Die Gefahren sind uns bekannt, denn bei derartigen Lagen reichen kleine Abweichungen der Modellwelt im Vergleich zur Realität und man landet in Österreich oder CZ. Lage sah aber robust aus. Auslöse fand südlich von München allerdings schon etwas früher als berechnet und erhofft statt (14:00 Uhr). Wir waren früh losgefahren und daher schon in recht guter Position etwas nordwestlich von München. Die Zelle vollzog einen Zellsplit und wir ließen uns von den Radarbildern und unserem für den Leftmover idealen Standort blenden. Der Leftmover intensivierte sich, der Rightmover schwächelte. Wir blieben also vorerst beim Leftmover (in den allermeisten Fällen keine gute Idee). Nach kurzer Zeit kam es wie es kommen musste: Natürlich traf der Leftmover auf seinem Weg nach Nordwesten auf den kalten Bodenwind aus eben jener Richtung. An unserer Position war es inzwischen gefühlt auch nicht mehr labil, sondern sehr gewitterfeindlich. Als wir „schalteten“ war der Leftmover schon am sterben und der Rightmover setzte sich mit genügend cold-pool richtig in Bewegung und zehrte von der energiereichen Luftmasse weiter östlich. Im Prinzip hätten wir ihn bei Straubing noch abfangen können, und daher fuhren wir los – und landeten im dichten Verkehr. Hier verloren wir wertvolle Zeit und kreuzten die Zelle etwas später südlich von Straubing fast direkt unter dem Aufwind. Genau in diesem Zeitfenster schwächelte die Zelle nun deutlich – sowohl optisch, als auch auf dem Radar. Es sah wirklich so aus, als würde unser Ziel über unseren Köpfen kollabieren. Frustriert ließen wir die Zelle passieren und verloren weitere wertvolle Minuten. Nur etwas später legte die Zelle wieder zu (neuer Zyklus) und wir hatten nun endgültig keine Chance mehr vor das Gewitter zu kommen. Ärgerlich, denn bei Straubing war die Zelle erneut zu einem wahren Ungetüm herangewachsen. Bilder gibts es von diesem Tag keine, zumindest keine die mehr als einige Cumulus in der diesigen Grundschicht zeigen.

 

B) Gewitterlage am 30.05.17 in Nord-BaWü/BY (über 300 km)
Das Zielgebiet war Stuttgart und nördlich davon, vermutlich sogar die Heilbronner Ecke. Tatsächlich kam es schon gegen 13 Uhr zur Auslösung von Zellen mit schönen Radarsignaturen in RLP. Wir waren rechtzeitig um 14:30 Uhr bei Heilbronn positioniert, als eine auf dem Radar und optisch auch von weitem schöne Zelle mit OSO Kurs in die Region zog. Wir fuhren etwas weiter nach Nordwesten, schafften es durch eine stressreiche Anfahrt sogar den teilweise echt heftigen Verkehr zu umfahren und fanden auf Anhieb eine Position mit guter Sicht auf die nahende Zelle, welche nun genau auf uns zu zog. Die Radarbilder, die Vertikalscans sowie das deutliche Ausscheren ohne orographischen Hintergrund ließen auf eine Zelle gröberen Kalibers schließen. Optisch gestaltete sich das Ganze vor Ort allerdings als eine mittelschwere Katastrophe. Hochbasige, eher unstrukturierte Konvektion und bis auf eine Ausnahme nur von quasi unsichtbaren Wolkenblitzen begleitet. In erreichbarer Nähe gab es keine konkurrierende Zellen, das Target war also zwar richtig gewählt, Mutter Natur wollte aber nicht so wirklich. Hier einige Bilder:

C) Gewitterlage am 03.06.17 in BaWü (über 450 km)
Zugegeben, diese Lage war von vorne herein etwas schwieriger. Dennoch sollte es über BaWü zur Bildung von organisierten Gewittern reichen. Ich erwartete mehrere „Wellen“ von konvektiver Aktivität mit einem recht frühen Beginn um die Mittagszeit. Tatsächlich ging es schon gegen 11 Uhr los – wir waren gerade in die Region Stuttgart aufgebrochen. Wir positionierten uns für die Aufziehende Zelle südlich von Stuttgart und mussten leider feststellen, dass es sich zwar wohl um eine halbwegs organisierte Zelle handelte, die Fotogenität aber nicht vorhanden war. Manchmal brauch es eine gewisse Zeit bis eine Zelle fotogen erscheint (elevated -> Grundschichtbasiert), das war in diesem Fall leider nicht so.
Die Zeit verging und das grummelnde Gewitter kam kaum von der Stelle. Wir verlagerten unseren Standort nun auf die Alb, da die ganzen kleinen Zellen nördlich der Albkante viel Energie verbrauchten und es langsam schon zu einer gewissen Stabilisierung kam. Auf der Alb und südlich davon war die Luftmasse noch „jungfräulich“. Allerdings wollte es einfach nicht so recht. Es gab zwar immer wieder Zellen, die auf dem Radar hübsch aussahen, eine gewisse Lebensdauer aufwiesen und auch aus einiger Entfernung durchaus brauchbar aussahen, aus der Nähe betrachtet handelte es sich allerdings in allen Fällen um sehr unanschauliche Konvektion. Als Beispiel soll eine Zelle dienen, die wir bei Kirchheim Teck abgefangen haben. Auch diese lies bei der Anfahrt sowohl optisch als auch aufgrund ihrer Radarsignatur auf einen ordentlichen Batzen hoffen. Vor Ort dann aber erneut Enttäuschung.

Es blieb noch die Hoffnung auf einen Gewittercluster am Abend, der laut Modellwelt auf den Süden und Südwesten übergreifen sollte. Beim Blick auf die Realität schien dieses Szenario am Nachmittag recht wahrscheinlich und so positionierten wir uns bei Ulm und warteten…. viele Stunden lang. Als es dann endlich richtig losging in der Schweiz und sich ein Bow-Echo formierte, war es bereits 21:45 Uhr. Die große Distanz zwischen uns und dem tollen Gewitter verkürzten wir, in dem wir ihm ein Stück entgegen fuhren. Bei Biberach suchten wir in der Dunkelheit ein Plätzchen zum Fotografieren. Leider war das Netz in der Region derart schlecht ausgebaut, dass wir völlig im Blindflug agierten (sowohl was die Platzsuche als auch das Radar anging). Nach schier endloser Suche fanden wir einen halbwegs tauglichen Ort, realisierten jedoch, dass das Bow-Echo zwischenzeitlich schon recht nahe war. Es blitzte teilweise mit mehr als 1 Blitz/sek, bei über 99% der Entladungen handelte es sich allerdings um Wolkenblitze, welche die shelf-cloud nicht oder nur im Ansatz erleuchteten.
Nachdem die ersten Tropfen vom Himmel kamen und der Wind deutlich auffrischte, sprangen wir ins Auto und checkten die Optionen – ohne Netz erneut schwierig. Dennoch wurde der Versuch gestartet aufgrund der ungefähren Zugbahn und guter Straßenlage vor Ort (Schnellstraße + Autobahn + kein Verkehr) noch einmal vor die Zelle zu fahren. Mit Höchstgeschwindigkeit ging es also aus dem Platzregen/kleinkörnigen Hagel wieder deutlich vor die Zelle. Im Rückspiegel sah man bei den helleren Blitzentladungen, dass sich das Vorhaben lohnen könnte, war die shelf cloud inzwischen doch wirklich nicht von schlechten Eltern. Zwischen Ulm und Augsburg ließen wir den MCS wieder näher kommen. Zu unserer Enttäuschung verlagerte sich die Blitzaktivität aber zusehens in den hinteren Teil der Zelle und die shelf cloud rollte nach dieser Zeit natürlich auch schon einiges voraus. Brauchbare Fotos kamen also nicht mehr zustande.
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