24.06.2016 – Großhagel trotz Hagelfliegereinsatz

Es war nur eine Frage der Zeit, bis es die hiesigen Hagelflieger mit einer ausgewachsenen Superzelle zu tun bekommen würden. Dieser Gewittertypus, zu dem auch das massive Hagelunwetter vom 28.07.2013 zählte, ist in Bezug auf die Bedrohung der Bevölkerung durch Hagelschlag von großer Bedeutung.[1] Auch das Wirksamkeitsprinzip der Hagelfliegerei ist speziell bei langlebigen Superzellen, von welchen man weiß, dass sie häufig größeren Hagel mit sich bringen, gefragt. Ob die ansonsten bisher bereits vielfach geimpften „normalen“ Gewitterzellen überhaupt Hagel produziert haben oder dies ohne eine Impfung getan hätten, lässt sich nämlich in den allermeisten Fällen nicht verifizieren. Das liegt daran, dass nur verhältnismäßig wenige der „normalen“ Gewitterzellen überhaupt Hagel produzieren – und wenn, dann in der Regel auf räumlich sehr begrenztem Gebiet.

 

Als sich am Abend des 24.06.2016 gegen 19:45 Uhr eine Gewitterzelle bei Horb am Neckar bildete, war es dann soweit (Radar Kachelmannwetter). Aufgrund eines eher schwächeren Gewitters im Großraum Stuttgart war der Hagelflieger der wgv Versicherung zu dieser Zeit bereits in der Luft (Einsatzprotokoll). Er änderte seinen Kurs und Flog zur neu gebildeten Zelle bei Horb, welche sich deutlich verstärkte und damit begann nach Osten den Neckar entlang in Richtung Reutlingen zu ziehen. Laut Einsatzprotokoll erreichte der Flieger das Gewitter um ca. 20:18 Uhr. Im weiteren Verlauf, in dem sich die Gewitterzelle dann auch zu einer Superzelle entwickelte, begleitete der Flieger die Zelle permanent bis 21:08 Uhr in die Region Rottenburg am Neckar. Festzuhalten ist demnach: Es fand eine Impfung der Zelle in einem frühen Entwicklungsstadium statt und die Impfung wurde für eine Dauer von ungefähr 50 Minuten ununterbrochen fortgeführt. Besser hätte es aus Sicht des Hagelfliegers kaum laufen können. Für Befürworter sind derartige Randbedingungen geradezu ideale Voraussetzungen für die Verhinderung von großem Hagel am Boden.[2] Es sollte jedoch anders kommen.IMG_8308
Gegen 21:05 Uhr erreichte die nun voll entwickelte Superzelle, welche noch immer vom Flieger begleitet und geimpft wurde, die Region Rottenburg am Neckar (Radar Kachelmannwetter). In den Gemeinden Weiler, Dettingen, Hemmendorf, Starzach und Hirrlingen südlich von Rottenburg kam es dabei zu Großhagel mit bis zu 9 cm Durchmesser.[3]  Damit war der Hagel sogar noch größer, als man es bei der Durchsicht der meteorologischen Parameter an diesem Tag hätte erwarten können.[4] Große Schäden entstanden vor allem an Autos, Dachfenstern, Fotovoltaikanlagen, Dachziegeln sowie an landwirtschaftlichen Flächen.[5] Von einem positiven Effekt durch die Impfung kann man bei derartigen Dimensionen definitiv nicht sprechen. Die noch immer sehr gefährliche Zelle bewegte sich nun weiter in östliche Richtung und hatte Kurs auf Reutlingen. Im etwas südlich von Reutlingen gelegenen Pfullingen kam es beim Durchzug der sich nun leicht abschwächenden Zelle[6] zu lange andauerndem Hagelschlag mit Durchmessern von teilweise über 4 cm. Hier erlitten vor allem Fahrzeuge teils erhebliche Hagelschäden. Zudem sorgte die Kombination aus Hagel und Regen in Pfullingen für schwere Überflutungen, welche zusätzliche Schäden zur Folge hatten.[7] Der Bereich, in dem großer Hagel fiel, verfehlte das Stadtgebiet von Reutlingen also nur um Haaresbreite.

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An dieser Stelle drängt sich nun zwangsläufig eine Frage auf: Zwar war der Hagelflieger der wgv Versicherung in der Luft und impfte das Gewitter, doch warum blieb der Reutlinger Flieger an jenem Abend am Boden, obwohl eine gefährliche Superzelle auf dem Weg nach Reutlingen war? Als Gründe hierfür führt Hagelfliegerpilot Markus Duwe gegenüber dem Tagblatt[8] auf, dass die Regionen Horb und Rottenburg nicht zum Schutzgebiet des Reutlinger Fliegers gehören. Weiterhin sei es zu dem Zeitpunkt, als die Zelle Reutlingen erreichte (~ 21:30 Uhr) schon so dunkel gewesen, dass ein Start nicht mehr sinnvoll war (Tagflugzeit). Ein frühzeitiger Start, so Duwe, hätte keinen Sinn gemacht, da man nicht großartig präventiv wirken könne. Diese Aussagen muss man unbedingt genauer unter die Lupe nehmen. Fakt ist, dass es ohnehin viel zu spät gewesen wäre, die Zelle erst beim Erreichen des Schutzgebiets zu impfen. Von den Befürwortern der Hagelabwehr selbst wird propagiert, dass der Effekt erst zeitversetzt eintritt und Gewitterzellen daher möglichst früh geimpft werden müssen. Dies entkräftet die Aussage, ein frühzeitiger Start würde keinen Sinn machen. Für einen effektiven Schutz von Reutlingen hätte bei der vorliegenden Zuggeschwindigkeit der Gewitterzelle eine Impfung daher spätestens im Bereich Rottenburg beginnen müssen (~20:45 Uhr), auch wenn dieses Areal nicht zum Schutzgebiet zählt. Dies wäre für eine gewisse Zeit auch unter Einhaltung der Sichtflugregeln[9], welche eine Landung bis spätestens 30 Minuten nach Sonnenuntergang vorschreiben (Sonnenuntergang am 24.06.16: 21:29 Uhr), möglich und aus der Perspektive der Hagelabwehr bei einer derart starken Zelle absolut notwendig gewesen. Dass die Zelle bis mindestens 21:10 Uhr geimpft werden konnte, zeigt letztlich auch das Einsatzprotokoll des wgv Hagelfliegers.

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Glück also für die Reutlinger Hagelflieger, dass sich die Superzelle über dem Schutzgebiet etwas abgeschwächt hat und der Hagelschlag mit Pfullingen genau das Gebiet getroffen hat, welches damals am 28.07.13 verschont blieb. Der große Aufschrei und das kritische Hinterfragen der Methode innerhalb der „geschützten“ Bevölkerung, die sich durch den Einsatz des Fliegers teilweise sogar in Sicherheit wiegt, blieb damit aus. Dennoch ist es mir persönlich wichtig aufzuzeigen, dass es vor hochgradig organisierten Gewitterstürmen keinen Schutz gibt – auch nicht durch den Einsatz von Hagelabwehrfliegern.
 
Abschließen möchte ich diese Fallanalyse mit  der Einschätzung des zwischenzeitlich leider verstorbenen Prof. Klaus D. Beheng vom Karlsruher Institut für Meteorologie und Klimaforschung, der zum Einsatz von Hagelabwehrfliegern bei Superzellen wie jener am 28.07.13 meinte: „Solche Monster können nicht verhindert werden!“.[10]

 

[1] Etwas Theorie zu den unterschiedlichen Gewittertypen gibt es hier

 

[2] Mehr zum Thema Hagelfliegerei gibt es hier

 

[3] Marco Kaschuba war kurz nach dem Hagelunwetter vor Ort und konnte den noch recht frisch gefallenen Hagel Dokumentieren: Facebook

 

[4] Nach GFS von ESTOFEX z.B. musste an jenem Freitag mit Hagel bis 6 cm gerechnet werden. Da  es vor allem am Albtrauf regionale Effekte gibt, die von grobmaschigen Wettermodellen nicht erfasst werden können, sollte man diese berechneten Werte nicht zu strikt sehen. Doch   selbst unter optimistischer Einbeziehung gewisser Ungenauigkeiten ist Hagel mit mehr als 9 cm im Durchmesser als sehr unwahrscheinlich anzusehen. Eine Argumentation, der Hagel sei ohne Einsatz des Fliegers noch größer gewesen, ist daher nicht plausibel.

 

[5] Der komplette Bericht zum Unwetter kann hier eingesehen werden

 

[6] Die Tatsache, dass sich die Superzelle im Bereich Reutlingen letztlich aufgelöst hat, scheint  vor allem auf neue Gewitterzellen, welche sich im Vorfeld von der Alb her gebildet hatten, zurückzuführen zu sein (Radar Kachelmannwetter). Diese Zellen kollidierten mit der Superzelle und schnitten ihr die Zufuhr von feucht-warmer Luft ab. Bei der Abschwächung und letztlich auch Auflösung der Superzelle handelt es sich also um rein natürliche Vorgänge, welche nicht durch den Einsatz des Hagelabwehrfliegers hervorgerufen wurden.

 

[7] Medienberichte: GEA, SWP, SWR

 

[8] Artikel erschienen in der Ausgabe des Schwäbischen Tagblatts vom 17.08.2016. Mit einem Abo auch online abrufbar hier

 

[9] Die VFR gibt es hier

 

[10] Prof. Klaus Dieter Beheng in seinem Vortrag am 19.02.2014 vor dem Kreistag Reutlingen
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