05.07.15 – Schweres Superzellengewitter in Nordrhein Westfalen

Die kurze Hitzewelle Ende Juni/Anfang Juli mündete am Sonntag, 05.07. in einer ausgeprägten Schwergewitterlage für den Nordwesten und Westen von Deutschland. Die Wettermodelle waren sich recht einig, dass sich im Laufe des Nachmittags/Abends von BeNeLux her schwere Gewitter auf den Westen ausbreiten würden, welche dann weiter nach Nordosten in die Mitte und sogar bis in den Osten der Republik ziehen würden. Nach eingehender Analyse der Lage beschlossen wir am Vorabend, Sonntags früh in Richtung NRW aufzubrechen. Als Ziel wählten wir vorerst die Region Aachen. Hier standen die Chancen auf isolierte Superzellen am Besten. Weiter östlich war zwar mit flächendeckenderen Gewittern zu rechnen, dabei sollte es sich aber größtenteils um Cluster handeln, auf die wir es nicht abgesehen hatten.
Nach einer nicht wirklich angenehmen Anfahrt bei Temperaturen von über 35 °C (keine Klimaanlage) kamen wir am frühen Nachmittag bei Kerpen an. An der Grenze zu Belgien waren zu dieser Zeit bereits einige Quellungen zu sehen, welche prompt kurze Zeit später auf dem Radar erschienen. Wir waren nun schon sehr nahe an diesen Entwicklungen, welche allerdings optisch nicht so wirklich toll aussahen.
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Bei den erwarteten Zuggeschwindigkeiten der Zellen von 70-80 km/h, teilweise sogar darüber, machte ein Mitfahren selbst beim guten Autobahnnetz in NRW nicht wirklich Sinn. Die starken Entwicklungen vermuteten wir sowieso erst am späten Nachmittag und frühen Abend aus Belgien her kommend. Wir ließen die Zelle also über uns hinweg ziehen und mussten optisch und auf dem Radar mit ansehen, wie diese sich immer mehr zu einem kernig gesunden Gewitter mauserte. In der schwülen Hitze warteten wir, wobei durch Absinkprozesse hinter der ersten Zelle erst einmal nichts vielversprechendes mehr am Himmel zu sehen war. Die Zeit verging und beim Blick auf das Radar wurde uns bange; zogen doch über die Mitte Deutschlands nun bereits mächtige Gewitterzellen, die für uns jedoch unerreichbar waren. Auch unsere frühe Zelle war inzwischen ein massiver Brummer geworden.
Als dann plötzlich frischer, in Böen sogar starker Wind aus Nordwesten einsetzte, befürchteten wir aufs falsche Pferd gesetzt zu haben. Nordwestwind ist bei Trogvorderseiten so ziemlich das Letzte, was man als Sturmjäger spüren möchte. In den meisten Fällen wird dabei durch einsickernde Kaltluft die Energie ausgeräumt. Der NW-Wind ist also i.d.R. ein wahrer Gewitterkiller.
In Richtung Südwesten sahen wir zaghafte Quellungen in Belgien, die es jedoch nicht so wirklich bis zur Reife schafften. Doch dann war zu erkennen, dass eine der Quellungen einen wahren Kick bekam. Auf dem Radar war nur wenig später eine vielversprechende Radarsignatur zu sehen. Alles deutete hier auf das Vorhandensein einer Mesozyklone hin. Sorgen bereitete uns nach wie vor der stramme und inzwischen auch kühle Wind aus NW. Die Zelle zog genau auf unsere Position zu, in ihrem Inflow-Bereich bildete sich jedoch kurz später eine weitere Zelle – ebenfalls etwas, das man nicht sehen möchte. Zu allem übel nahm uns diese Zelle auch die Einschätzung durch das Niederschlagsradar, denn sie sorgte für massive Abschattung des Signals unserer angepeilten Superzelle. Diese wies nun ein ausgeprägtes Hook-Echo auf (charakteristisch für gefährliche und u.U. sogar tornadische Superzellen). Erneut standen wir vor einer unangenehmen Entscheidung: Die Superzelle anfahren, oder auf die südliche, noch eher zaghafte Entwicklung im Inflow-Bereich setzen? Die Entscheidung fiel aufgrund des NW-Windes sowie der Tatsache, dass sich die südlichere Zelle mauserte, dann aber doch sehr schnell. Wir fuhren also den „Tail End Charlie“ an. Auf der Autobahn ging es einige km nach Süden. Optisch war zu diesem Zeitpunkt bis auf den Eisschirm noch nicht allzu viel auszumachen.
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Nachdem wir die Zugbahn der sich nun schnell nähernden und offensichtlich ebenfalls stark rotierenden Zelle durchgepeilt hatten, fuhren wir von der Autobahn ab. Von weitem war durch die dunstige Grundschicht nun der riesige Aufwindbereich zu erkennen.
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Es stellte sich heraus, dass die Zelle so stark rotierte, dass sie nun noch weiter ausscherte (typisch für starke Superzellen); wir mussten nochmal ein paar km nach Süden. Nun standen wir aber richtig – die Zelle war in der Zwischenzeit jedoch leider auch schon recht nahe. Wir befanden uns zudem genau in dem Bereich, in dem der RFD von hinten drückte. Hier ist die Luft sehr klar und trocken, was in dem Fall bei tiefstehender Sonne für extreme Kontraste sorgte. Fotografieren ist unter diesen Bedingungen aufgrund der Über-/Unterbelichtung extrem schwierig. Der Stimmung vor Ort tat das aber keinen Abbruch. Das durch Blitzentladungen nun grollende Ungetüm sah einfach spektakulär aus. Hier einige Bilder vom Aufzug.
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Der Bereich um den sog. RFD-cut ist auch nicht ganz ungefährlich. Wenn eine Superzelle einen Tornado produziert, dann passiert das häufig genau in diesem Bereich. Das war bei dieser Zelle allerdings nicht der Fall. Die hohe Dynamik sowie den nahenden Downburst (schwerer Sturm) kann man auf folgendem Video besonders schön erkennen. Speziell die Form des Downbursts ist fast Lehrbuchhaft.
 
Nachdem der turbulente Aufwindbereich genau über unseren Köpfen war, flüchteten wir ins Auto. Nur wenig später begann es auch schon zu hageln. Die Körner waren anfangs etwa 5-6 cm groß, einzelne evtl. auch größer. Der Hagel fiel quasi trocken und ohne Regen. Auch das ist recht typisch, wenn man sich an der Grenze zwischen Auf- und Abwind einer solchen Superzelle bewegt. Nach nur kurzer Zeit war der Spuk auch schon vorbei und wir konnten uns kurz darauf auf die Suche nach Hagelkörner machen. Diese büßten durch den warmen Boden und den kräftigen Wind allerdings einiges an Größe ein.
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Unsere Zelle zog unbeirrt weiter in Richtung Bonn, wo sie für große Schäden durch Hagelschlag sorgte. Hier, sowie auch noch weiter nordöstlich bei Olpen, wurde von Hagel von 7-8 cm Durchmesser berichtet.
Wie kam es nun trotz des kühlen und starken NW Winds zu einer derart starken Superzelle? Einerseits herrschte wohl einige Kilometer weiter im Süden noch Wind aus südlichen Richtungen. Dadurch entstand quasi eine Konvergenzzone, an der sich die Zelle entlang bewegte. Sie konnte dabei ideal von den energiereichen Luftmassen aus Süden profitieren. Zum anderen wirkt sich NW-Wind bei derartig schnell ziehenden Zellen auf die sog. storm relative helicity (SRH) nicht unbedingt negativ aus. Auch dies könnte die Zelle weiter gepuscht haben.
Was passiert, wenn der Aufwind allerdings vom NW-Wind unterlaufen wird, war an der nördlichen Zelle (unser voriges Target) zu sehen: kurz nachdem diese die deutsch-belgische Grenze passiert hatte, löste sie sich auf.
Da die Sache in der Region nun gelaufen war, fuhren wir mit der Konvergenzzone zwischen NW-Wind und Wind aus südlichen Richtung zurück gen Heimat. Dabei hofften wir, dass sich in diesem Bereich weitere Zellen entwickeln würden. Dies war vorerst aber nicht der Fall. Statt dessen entwickelte sich ein wahrer „Staubsturm“, der Wind fegte nämlich über ein großes Gebiet, welches durch die Hitzewelle absolut ausgetrocknet war. Die Sichtweite durch den Staub war streckenweise extrem herabgesetzt. Immer wieder überholten wir auf der Autobahn den NW-Wind und fuhren aus der angenehm warmen zurück in die schül-heiße Luftmasse. Dort warteten wir dann wieder auf die Ankunft des böigen Winds aus NW.
Erst an der Grenze von BaWü-RLP konnten wir dann wieder ein Gewitter beobachten, welches von den Vogesen her das Rheintal und den Pfälzer Wald entlang zog. Diese Zelle war allerdings eine sehr schöne! Der Aufwind war sehr hochbasig und damit nicht wirklich fotogen. Wir beschlossen daher die Entwicklung von einiger Entfernung aus zu beobachten. Die vorbei ziehende Zelle mit ihrem gigantischen Eisschirm sah im Abendlicht wirklich genial aus.
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Besonders schön ist dies auf folgendem Zeitraffer zu sehen.
 
 
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