Pfingsten ’14: Sturmjagd in Frankreich

ROUTE:
  • Tag 1: Tübingen (D) – Trier (D) – Prüm (D) – Houffalize (BE) – Sedan (FR) – Rethel (FR) – Reims (FR) – Fismes (FR) – Reims (FR) – Rethel (FR) – Montcornet (FR) – Rethel (FR)
  • Tag 2: Rethel (FR) – Laon (FR) – Soissons (FR) – Sézanne (FR) – Troyes (FR) – Nancy (FR) – Saint Dié des Vosges (FR) – Strasbourg (FR) – Karlsruhe (D) – Tübingen (D)

Die Großwetterlage um Pfingsten 2014 ließ bereits eine Woche im Voraus auf eine ausgedehnte Unwetterlage in Westeuropa schließen. Zu dieser Zeit (01. Juni) war jedoch noch nicht ganz klar, wo genau die schwersten Unwetter lokalisiert sein sollten. Gegen Ende der Woche und dem nahenden Pfingstwochenende war dann langsam klar, dass sich in Frankreich, BeNeLux und NW-Deutschland eine gefährliche Situation entwickeln würde. Zwischen einem Tief westlich der Britischen Inseln und einem Hoch über dem westl. Mittelmeer wurden aus Südwesten sehr warme und feuchte Luftmassen andvehiert. Zusammen mit recht steilen lapse-rates und weiterer Sonneneinstrahlung musste daher großflächig mit ML-CAPE um 2-3000 J/kg gerechnet werden, teilweise sogar noch mit mehr. Wirklich gefährlich machte diese Lage jedoch erst eine ebenfalls sehr stark ausgeprägte Windscherung (DLS bis 70 kt!!). Aus der wirklich interessanten Region existiert meines Wissens nach leider kein brauchbarer Sondenaufstieg aus diesem Zeitraum. Der Aufstieg von Trappes (FR) aus der Nacht So./Mo. um 00z zeigt aber wenigstens ansatzweise das Potential (s. ganz unten im Beitrag).
Ich werde an dieser Stelle nicht weiter auf die Synoptik eingehen, sondern verweise aus Zeitgründen auf Forecasts von ESTOFEX:
Forecast für Sonntag, 08.06.14
Forecast für Montag, 09.06.14

Aufgrund der uns zur Verfügung stehenden Zeit über Pfingsten begannen also am Samstag die Überlegungen/Planungen. Die Wettermodelle boten uns dabei ein großes Spektrum an möglichen Szenarien und machten die ganze Sache nicht unbedingt einfacher. Einige Modelle, darunter auch das sonst recht zuverlässige 4 km WRF, rechneten im Grenzgebiet zwischen D/BE bereits ab dem frühen Mittag des 08.06. mit kräftigen Entwicklungen. Wie sich jedoch bereits am Samstag zeigte, hatte WRF die Lage nur bedingt im Griff. Letztendlich beschlossen wir am Pfingstsonntag früh vormittags aufzubrechen und in Richtung Belgien zu fahren.
Nachdem wir die größte Hitze im Südwesten mit Temperaturen um 35 °C hinter uns ließen und uns der Eiffel näherten, wurden auch die ersten konvektiven Versuche sichtbar. Allen Entwicklungen schien es aber etwas an Feuchte zu mangeln, wodurch sie die vorhandenen Inversionen nicht vollständig durchbrechen konnten. Der Himmel in Richtung Belgien war wie leer gefegt und man konnte nun erkennen, dass es in der Tat einfach an Hebungsimpulsen fehlte. Da die Orografie der Eiffel und der Ardennen nicht ausreichte, fuhren wir durch Belgien hindurch weiter in die explosive Luftmasse nach Frankreich. Grob peilten wir dabei bereits eine bestimmte Entwicklung an. Diese hatte sich nordöstlich von Le Mans gebildet und zog nach Nordost. Die Gewitterzelle scherte stark nach rechts aus und so spekulierten wir darauf diese langlebige Superzelle zwischen Reims und Soissons abzufangen. Und es stellte sich tatsächlich heraus, dass wir das Target richtig gewählt hatten. Die Zelle verstärkte sich weiter und zog genau in die von uns angepeilte Region. Kurz nach Sonnenuntergang fuhren wir in der Nähe von Fismes von der Route Nationale ab und standen kurze Zeit später auf einem Feld mit guter Sicht nach Südwest. Da konnte man ihn dann langsam erkennen, den Aufwindbereich der Zelle. Nach kurzem Durchpeilen war klar: Wir standen ideal und das noch recht weit entfernte Ungetüm kam direkt auf uns zu. Wir konnten den Aufzug daher nun in Ruhe genießen und dokumentieren (nur die französischen riesen Stechmücken machten uns das Leben etwas schwer). Bevor ich die Bilder für sich sprechen lasse noch ein paar Beschreibungen der Szenerie: Man konnte einwandfrei die typischen Charakteristika von Superzellen erkennen: tief hängende wall-cloud mit RFD-cut; Niederschlag, der um die Mesozyklone gewickelt wurde; Inflow-Tail sowie einen Beaver-Tail (Biberschwanz). Die Blitzfrequenz war zudem extrem! Die meisten Blitze waren allerdings innerhalb der Wolken und des Niederschlags lokalisiert.
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Ein kurzes Video zeigt die enorme Blitzaktivität der herannahenden Zelle (Filmen war bei diesen Lichtbedingungen extrem schwierig!):

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Nachdem die Zelle so nahe war, dass wir sie nicht einmal mehr mit dem Ultraweitwinkel auf Bild bannen konnten, beschlossen wir südlich parallel zur Superzelle mit zu fahren. Kurz vor Reims machten wir einen kurzen Stopp um die genialen Strukturen abzulichten:
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Weiter ging es in Richtung Rethel. Dank Autobahn schafften wir es auch, uns der Zelle wieder stark zu nähern. Bei Rethel durften wir dann etwas fotografieren, das ich in dieser Form selbst bisher noch nicht gesehen habe: Eine freistehende Superzelle von Süden, über deren wall-cloud sich ein starker und verdrehter Aufwind befand, der im Sekundentakt von Blitzentladungen erhellt wurde (Stroboskop artig). Und über all dem der Sternenhimmel/Mondschein. Hier passte nun einfach alles und wir sprangen vor Begeisterung förmlich im Dreieck!
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Etwas später – wir waren bereits wieder auf der Autobahn im Verfolgungsmodus – zeigte die Zelle dann erste Auflösungserscheinungen. Kein Wunder, lief sie doch durch ihr starkes Ausscheren langsam aber sicher in eine speziell scherungstechnisch ungünstigere Luftmasse hinein. Bei Faissault dokumentierten wir dann schließlich, wie die nun seit vielen Stunden aktive Superzelle langsam einging. Während wir fotografierten, machte sich plötzlich in etwas Entfernung ein unheimliches Rauschen bemerkbar. Das Geräusch schien von einer räumlich begrenzten Quelle zu stammen. Wenn wir nicht durch den Mondschein gute Sicht gehabt hätten, wäre uns in diesem Moment sicherlich etwas mulmig geworden (das Tornadopotential war nicht ohne an diesem Tag). Was uns kurz darauf den Staub ins Gesicht blies war allerdings kein Tornado, sondern ein kräftiger RFD, der anfangs recht kühl war, dann aber sehr warm wurde. Obwohl die Zelle in der Zwischenzeit deutlich kleiner war, blitzte der weiterhin kräftig rotierende Aufwind munter vor sich hin.
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Aus weiter Entfernung konnte man bereits eine weitere Zelle blitzen sehen, welche der unseren fast auf der selben Zugbahn aus Südwest folgte. Da diese etwas weniger stark ausscherte, mussten wir unseren Standort nun etwas weiter in Richtung Norden verlagern. Bei Montcornet nahmen wir die Zelle dann in Empfang. Es handelte sich hierbei jedoch um eine optisch wenig ansprechende und hochbasige Entwicklung, welche zudem ebenfalls bereits deutliche Auflösungserscheinungen zeigte.
Es war nun bald 02:30 Uhr in der Nacht und wir waren seit 16 Stunden unterwegs. Nachdem wir uns ein trockenes Plätzchen zwischen den Feldern in der wunderschönen französischen Landschaft gesucht hatten, legten wir uns mit dem Schlafsack für ein paar wenige Stunden einfach in die Wiese.
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Von der aufgehenden Sonne wurden wir dann langsam geweckt und freuten uns auf ein ordentliches französisches Frühstück. Die kurze Analyse der aktuellen Wetterlage rückte dieses Vorhaben dann aber schon wieder in den Hintergrund. Für den Montag stand Frankreich und BeNeLux nicht nur eine sehr gefährliche Unwetterlage ins Haus (Level 3 Estofex!), bereits am frühen Morgen war auch bereits eine Gewitterlinie unterwegs, die wir – da sie sowieso auf dem Weg in unser geplantes Zielgebiet lag – direkt abfangen wollten. Es ging daher auf nach Laon! Da wir die Zuggeschwindigkeit dieser Linie etwas unterschätzten und die französische Autobahn in diesem Teilstück nur wenige Ausfahrten hat, mussten wir die Zelle jedoch auf einem Autobahnrastplatz über uns hinweggehen lassen. Neben einer netten shelf-cloud brachte die Linie viel Platzregen und einige Naheinschläge.
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Uns schwante auf der Fahrt nach Laon dann bereits, dass diese massive morgendliche Entwicklung vermutlich nicht unerheblichen Einfluss auf das ganze Geschehen an diesem Tag nehmen würde. Nachdem wir nun endlich auch zu unserem Frühstück kamen, checkten wir die aktuelle Lage. Einmal mehr war die Kartenlage nicht eindeutig und wir verließen uns auf unser Bauchgefühl. Dieses sagte uns bereits recht früh, dass die Action weiter im Süden/Südosten abgehen würde, als zunächst geproggt. Wir warteten daher zunächst etwas ab. Tatsächlich schien die Atmosphäre nicht ideal zu sein und die einsetzenden Entwicklungen weiter westlich waren alle samt grundschichtentkoppelt und damit sehr hochbasig. Auch der kühle Wind aus NW gefiel uns nicht. Die Modelle rechneten zwar einen erneuten Vorstoß der energiereichen Luftmasse aus Süden, wir trauten dem Ganzen aber nicht so wirklich. Als dann eine bereits länger existierende Zelle bei Tours damit begann nach rechts auszuscheren, war klar: wir fahren in die landschaftlich wunderschöne Champagne! Da das Verhalten der Zelle noch nicht ganz absehbar war, fuhren wir daher zunächst quer durch die Champagne. Die Zelle schien über Orléans in Richtung Troyes zu ziehen. Auch wir fuhren daher nun über die Autobahn nach Süden Richtung Troyes. Bereits während der Anfahrt konnten wir den riesigen Eisschirm der Zelle sehen.
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Außerdem befand sich weiter nördlich ein weiterer Zellkern, welcher zu dieser Zeit jedoch noch uninteressant schien. Kurz vor Troyes warteten wir dann auf die heranziehende Superzelle. Auch hierbei handelte es sich um ein wahres Prachtexemplar mit extrem geneigtem Aufwind! Die Struktur deutete zudem auf eine LP-Superzelle hin; und damit bestand die Gefahr von sehr großem Hagel. Wir trafen während der Beobachtung auf weitere französische Sturmjäger, welche uns diesen Verdacht bestätigten und uns Bilder von Hagel mit deutlich über 5 cm Durchmesser zeigten. Es gibt Meldungen, wonach diese Superzelle teilweise Hagel mit bis zu 13 cm Durchmesser produziert haben soll (9 cm gelten jedoch als gesichert). Um keine Scheiben des Fahrzeugs zu verlieren, fuhren wir nun noch ein Stück weiter nach Süden und standen dadurch kurze Zeit später direkt unter dem Aufwindbereich der sich nun langsam abschwächenden Zelle. Das Feeling war erneut einfach genial!

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Hier noch ein Zeitraffer der wunderschönen LP-Superzelle:

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Da sich nun alle weiteren Entwicklungen deutlich weiter nordwestlich unserer Position abspielen würden, beschlossen wir uns am frühen Abend wieder in Richtung Heimat zu fahren. Wir waren zwar erschöpft, aber absolut zufrieden.
Alles in Allem boten diese zwei Tage nicht nur zwei optisch extrem ansprechende Superzellen, sondern auch grandiose Landschaften sowie eine Menge Spaß, Action und Abendteuer!
VIVE LA FRANCE!

 
Zum Schluss noch zwei Blitzkarten, welche die beschriebenen Zellen und ihre Zugbahn zeigen:
Tag 1, 08.06.14

Blitzortung 08_06_14

Quelle: Blitzortung/lightningmaps (lightningmaps.org)

Tag 2, 09.06.14:

Blitzortung 09_06_14

Quelle: Blitzortung/lightningmaps (lightningmaps.org)

Von Tag 2 lohnt auch ein Blick auf die animierte Ansicht: Blitzanimation

 Sounding Trappes:

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Quelle: University of Wyoming (weather.uwyo.edu)

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