22.05.14 – Superzelle bei Stuttgart und Pforzheim

Schon viele Tage im Voraus zeichnete sich für Donnerstag, 22.05. eine Gewitterlage für den Südwesten ab, bei der es erstmals dieses Jahr auch zu organisierten Strukturen kommen konnte. Von Westen her näherte sich eine Anakaltfront, in deren Vorfeld es schon die Tage zuvor zu kräftigen Gewittern in Frankreich kam. Im Vorfeld der Front lag mit ca. 1 kJ/kg an CAPE, 50 kt DLS und bis zu 200 m²/s² an 0-3 km SRH eine recht brisante Luftmasse – auch für die Bildung von einzelnen Superzellen – bereit. An sich ist dies eine klassische Lage. Dieses Mal wies die Hauptströmungsrichtung aber ganz besonders viel Südkomponente auf. Mit den sonst so häufig bevorzugten Schienen wie Baar-Albtrauf/Donauschiene/Nordschwarzwald-Franken war daher nicht wirklich zu rechnen. Durch ein Hitzetief nördlich der Alpen (ebenfalls klassisch) kam es am Nachmittag entlang der Konvergenz von Bise/Föhn zur Auslösung von Gewitterzellen.
Eine erste kräftige Entwicklung fand am Nachmittag im Rheintal nördlich von Freiburg statt. Diese Zelle wurde die Tage zuvor recht konstant von einigen Modellen (COSMO/WRF) gerechnet. Wir fuhren diese sich verstärkende Zelle an und fingen sie bei Pforzheim ab. In Richtung des wirklich beeindruckend großen und tiefen Aufwindbereichs sah es verdächtig nach wall-cloud aus:
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Da die Zelle etwas nach Osten ausscherte, musste sie kurz vor Erreichen unserer Position den Schwarzwaldhauptkamm überqueren. Dies stört sehr häufig den Inflow der Zellen, weswegen diese dabei häufig absterben. Auch unsere Zelle mochte die „Höhenluft“ nicht wirklich und schien sich während des Aufzugs abzuschwächen. Der Aufwindbereich wurde fast strukturlos und die Zelle wurde schließlich outflow-dominant. Kurze Zeit später kam es dann auch an unserer Position zu starkem Wind um 60 km/h:
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Auf dem Radar war zwar ersichtlich, dass sich das aktuell aus zwei Zellkernen bestehende Gewitter wieder etwas regenerierte und speziell der westliche Kern verstärkte, die Zugrichtung (Raum Karlsruhe, Heidelberg etc.) nach NNO im Feierabendverkehr sprach aber dennoch gegen eine Verfolgung. Zudem zeigte sich, dass es im Schwarzwald-Lee zwischen Horb a. N. und Balingen zur Auslösung einer freistehenden Gewitterzelle kam. Wir verlagerten unseren Standort daher so schnell es irgend möglich war in Richtung Stuttgart. Schon auf der Fahrt war auf dem Radar erkennbar, dass es sich bei dieser Zelle vermutlich um eine Superzelle handelte. Der Feierabendverkehr war zäh, aber wir schafften es dennoch uns rechtzeitig südlich von Stuttgart bei Schönaich zu postieren. Was wir zu Gesicht bekamen, gehört zu den optisch schönsten Superzellen, die ich bisher gesehen habe! Der Aufwind rotierte stark und zog wie geplant direkt auf unsere Position zu. Die Blitzrate (95% CC’s) an der Grenze zwischen Auf- und Abwind war ziemlich hoch und die Zelle grummelte fast konstant vor sich hin. Der Anblick wurde dann immer spektakulärer und wir peilten schon einmal die Route für eine Verfolgungsjagd durch. Hier nun einige Bilder vom Aufzug:
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Beeindruckend war auch, dass man optisch gut sah, wie die Zelle durch ihre starke Rotation den Niederschlag in Form von Fallstreifen partiell um den Aufwindbereich herumwickelte. Auf dem Niederschlagsradar war zu dieser Zeit übereinstimmend mit den Beobachtungen eine Art hook-echo erkennbar.
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Wir fuhren los, als der Aufwindbereich quasi über unseren Köpfen war. Da wir Stuttgart umfahren mussten, kamen wir nur kurz später in den Abwindbereich der Superzelle (FFD) mit starkem Regen und Hagel bis ca. 2 cm Durchmesser. Um uns wieder vor die Zelle zu setzen, mussten wir dann leider auch einige Zeit unter diesen Bedingungen fahren.
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Als der Aufwindbereich dann langsam wieder sichtbar wurde zeigte die Zelle auch, dass sie nicht nur hübsch war und Hagel im Gepäck hatte, sondern auch wie hoch die Dynamik war. Rückseitig, also quasi an der Grenze von Auf- und Abwind, entwickelte sie dabei mindestens eine sog. Funnelcloud, was quasi der Vorstufe eines Tornados entspricht (-> Tornado wenn Bodenkontakt). Die folgenden drei Bilder zeigen diese Entwicklung, wobei die Bedingungen zum Fotografieren denkbar schlecht waren (schnelle Fahrt auf der Autobahn quasi im FFD):
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Als wir uns dann wieder vor die Zelle gesetzt hatten, zeigte diese nach und nach ein anderes Gesicht. Diese Entwicklung sollte die Endphase der Superzelle einläuten. Wie am Aufwindbereich zu erkennen war, wurde das Gewitter von Kaltluft unterwandert. Dabei wurde sukzessive auch der Nachschub für den Aufwindbereich gekappt. Trotz nach wie vor intakter Mesozyklone (rotierender Aufwind) starb die Zelle nun langsam vor sich hin:
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Bei Murr a. d. Murr konnten wir dann schließlich den letzten Minuten der Superzelle beiwohnen:
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Das folgende Video zeigt Zeitraffer-Aufnahmen vom Aufzug in Schönaich sowie von der sterbenden aber immer noch rotierenden Zelle bei Murr a. d. Murr:

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