Nachtrag: Kaltfrontgewitter am 20.06.13

Nachtrag zum 20.06.13

Die bristante Wetterlage, welche am 19.06. bereits für schwere Gewitter in Teilen von Nordwestdeutschland und Frankreich sorgte (s. dazu den Bericht zur Superzelle in Ostfrankreich), setzte sich am 20.06. einige hundert Kilometer weiter östlich fort. Die Ausgangslage war ähnlich: Sehr energiereiche Luftmassen im Vorfeld einer Kaltfront waren mäßig stark gedeckelt und wurden durch starke Windscherung ergänzt. Daher war auch an diesem Tag mit schweren Gewittern zu rechnen.

Am Nachmittag sollte der Fokus auf präfrontalen, isolierten Entwicklungen liegen. Die Kartenlage versprach für den Südwesten – und im Speziellen für Baden-Württemberg – eine ausgewachsene Schwergewitterlage.

Leider verlief an diesem Tag von Anfang an nicht alles ganz ideal. Bereits am frühen Vormittag kam es südlich des Alpenhauptkammes zur Auslösung von recht stationären, aber langlebigen Zellen. Die Cirrenschirme dieser Entwicklungen verhinderten im Süden ab dem Mittag teilweise die volle Einstrahlung der Sonne. Damit wurde wiederum der Energiegehalt der Luft reduziert und erreichte nicht die berechneten Werte. Bereits zur Mittagszeit waren über Tübingen und entlang des Albtraufs einige Quellwolken zu sehen. Diese zeigten zum Einen den (zu dieser Zeit) hohen Feuchtegehalt der Luft und zum Anderen auch die vorherrschende, massive Windscherung. Nur wenig später kam es zu einer ersten Überentwicklung über dem Schönbuch. Die Zelle schoss extrem schnell nach oben und wir dachten bereits, es würde losgehen. Eine derart frühe (thermische) Auslöse ist eher ungewöhnlich und verwunderte uns auch sofort. Recht schnell war der Zelle jedoch anzusehen, dass irgendetwas nicht stimmte. Hier ein Bild der Entwicklung:

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Die Zelle schaffte es in den obersten Stockwerken nicht zu vereisen (keine Ausbildung der „Amboss-Form“). Zwar sahen die Quellungen in den unteren Schichten sehr kräftig und gesund aus, je weiter sie jedoch aufstiegen, desto weniger gut sah das Ganze aus. Es schien definitiv noch ein Mangel an Feuchtigkeit zu bestehen.

Zurück zur frühen Auslöse: Den Grund dafür sollten wir nur wenige Minuten später am eigenen Leibe spüren. Es setzte nämlich fast aus heiterem Himmel plötzlich starker NW-Wind ein. Anfangs war nicht ganz klar, was gerade im Gange war. Da es in Richtung der schwäbischen Alb bereits einige größere Quellungen gab und man dadurch keine gute Sicht mehr hatte, lag zunächst ein starker Inflow einer neuen Zelle nahe. Doch als die Feuchte und damit der Taupunkt damit begann, drastisch in den Keller zu stürzen, war klar, dass es sich bei diesem Wind um kein förderliches Phänomen handelte. Im Nachhinein war festzustellen, dass dieser starke NW-Wind der Outflow von morgendlichen Zellen viel weiter im Nordwesten war. Verwirrend gestaltete sich nur die Tatsache, dass die Modelle (speziell GFS) in den Mittagstunden ebenfalls NW Wind simulierten. Vorerst schien die Gewittergefahr zwar erst einmal gebannt (TP ging um gut 3 K zurück), aufgrund der Tatsache, dass der Wind mit den Modellen mehr oder weniger konform ging, machten wir uns jedoch keine weiteren Gedanken.

Ein weiterer Versuch der Auslöse war kurze Zeit später am Albtrauf in Richtung Metzingen zu sehen. Obwohl auch hier die Organisation und Zufuhr zu stimmen schien, konnte man auch dieser Zelle den Mangel an Feuchte ansehen. Die Zelle lebte im weiteren Verlauf sogar recht lange, ohne dabei jedoch nennenswerten Niederschlag oder andere interessante Phänomene zu produzieren:

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Dass sich die ersten gesunden präfrontalen Zellen im Süden quasi innerhalb der Zone bildeten, in der sich morgens schon die Zellen südlich der Alpen entwickelten, war leider nicht gut. Diese Zone lag nämlich am frühen Nachmittag bereits im Allgäu/Oberbayern. Nun saßen wir zwischen den Stühlen. Einerseits waren die Werte in BaWü den Karten nach sehr gut, der NW-Wind hatte jedoch die Grundschicht geradezu abgeräumt. Und nach Bayern und den Zellen damit hinterher fahren wollten wir natürlich auch nicht. Outflowgetriggert von Zellen im Alläu entwickelten sich in Oberschwaben dann wenig später einige schöne Zellen. Eine davon begann damit, nach rechts auszuscheren. Sie schlug im weiteren Verlauf die Donauschiene ein und sorgte bei Sigmaringen wohl für Hagelschlag mit Körnern bis zu 8 cm Durchmesser.

Aufgrund der Verkehrslage war es uns jedoch nicht möglich, diese Zelle rechtzeitig zu erreichen. Da sie außerdem im Outflow der Zellen am Alpenrand lief, war ihre Lebensdauer sowieso beschränkt. Hier einige Bilder des Aufwindbereichs, welcher sich rotierend in den Himmel schraubte:

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Die vorlaufenden Gewitter beschränkten sich auch am restlichen Tag auf nördlichere und östlichere Gebiete. Große Teile Baden-Württembergs waren zunächst noch gewitterfrei. Gegen späten Nachmittag machte sich dann langsam die Kaltfront Richtung Südwesten bemerkbar. An ihr und kurz davor hatten sich in der Schweiz einige kräftige Gewitterzellen gebildet. Interessant schien speziell eine Gewitterzelle, welche am Jura entlang lief und dort auf einer Sportveranstaltung auch für größeren Schaden und viele Verletzte sorgte. Die einzig verbleibende Option für uns war auf die Kaltfront und die damit verbundenen Gewitter zu warten. Leider schwächelten alle Zellen aus der Schweiz mit Annäherung an die deutsche Grenze ziemlich. Der Föhn, welcher zu dieser Zeit immer noch leicht aktiv war, sorgte dafür, dass Richtung Oberschwaben  auch mit der Kaltfront keine Gewitter entstanden. Die Überreste der Zellen aus der Schweiz kamen dann am frühen Abend am Schwarzwald an. Wir rechneten hier (auch aufgrund der Bodenwerte im Umkreis dort) mit einer Verstärkung der Gewitteraktivität. Tatsächlich kam es dann kurz später auch zur Neubildung und Neuorganisation der Gewitterzellen. Vermutlich outflow-getriggert entstanden am Südschwarzwald einige mächtige TCU-Wolken, welche hier im noch frühen Stadium zu sehen sind:

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Im weiteren Verlauf konnten wir dann quasi live bei der Bildung und Reifung einer neuen, großen und starken Gewitterlinie zusehen. Auf den folgenden Bildern ist nicht nur das stetige Wachstum (Anbau im Süden) sondern auch die immer weiter zunehmende Organisation der Zellen zu erkennen. Die Windscherung sorgte dafür, dass sich der Aufwindbereich der Zellen langsam in den vorderen Teil der Linie verlagerte. Die Blitzaktivität stieg ebenfalls kontinuierlich an:

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Als klar war, dass es diese Linie zu etwas bringen wird und sie an unserem Standort bei Villingen-Schwenningen zunehmend unfotogen wurde, versuchten wir dem ganzen wieder etwas voraus zu fahren. Dies gestaltete sich aufgrund der immer weiter zunehmenden Organisation/Dynamik der Gewitterlinie jedoch sehr schwierig:

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Dank optimaler Verkehrslage war es uns dann aber doch möglich, bei Herrenberg den Aufzug der inzwischen voll ausgereiften Linie noch einmal in aller Ruhe zu beobachten. Die gebildete shelf-cloud hatte in der Zwischenzeit eine wunderschöne Form und sah für diese Region wirklich beeindruckend aus. Hier der Aufzug in Bildern:

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Beim gefolgten Durchgang gab es eine ordentlich Blitzrate (meist nur CG’s), anfangs starken Wind und dann Platzregen und sogar kurzzeitig kleine Eiskörner:

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