30.06.2012 – Ein Tag der Superlative

Da es den Umfang komplett sprengen würde, habe ich für das erste Highlight an diesem Tag einen separaten Artikel geschrieben: Los ging der Tag nämlich bereits kurz nach Mitternacht mit einer wunderschönen Blitzshow auf der schwäbischen Alb.

Nach einer kurzen Nacht mit den herrlichen Nachtgewittern auf der Alb ging es am Samstag, 30.06. bereits wieder früh aus den Federn. Schon die Tage davor deuteten einige Modelle eine ernstzunehmende Gewitterlage für den Südwesten an. Was die Modelle dann aber am Abend des 29.06. bzw. am Morgen des 30.06. zeigten, sah sehr gefährlich aus. Eine genauere Analyse der Wetterlage anhand von Wetterkarten gibt es am Ende des Berichts.

Den Wettermodellen nach konnte man mit zwei konvektiven Ereignissen rechnen: Vorlaufende/isolierte Superzellen am Mittag/Nachmittag und ein größerer Gewittercluster gegen Abend. Aufgrund der Dimensionen ist es generell recht einfach, einen Gewittercluster mit vielen km Durchmesser abzufangen. Das Jagen von vorlaufenden Zellen hingegen erweist sich oft als sehr schwierig. Die Ausdehnung der Zellen ist klein, ihre Zuggeschwindigkeit hoch und über den Ort ihrer Entstehung kann man nur spekulieren. So auch am 30.06.  – an dem etwaige vorlaufenden Zellen sehr gewaltig werden sollten. Die Bildung von vorlaufenden Zellen findet oft in orografisch begünstigten Gebieten wie dem Schwarzwald und der schwäbischen Alb statt. Aufgrund der Einschätzung des engmaschigen WRF-ARW Modells wurde beschlossen, in den Großraum Stuttgart zu fahren. Der Nordschwarzwald bietet bei richtiger Anströmung sowie passenden Begleitumständen ideale Voraussetzungen für die Erstauslöse. Und so ging die Tour bereits am späten Vormittag los. Wegen Temperaturen von über 30 °C und gewaltigen Taupunkten um 20 °C gestaltete sich die Fahrt im typischen Samstags-Verkehr nicht gerade angenehm. Als Ziel wurde ein Punkt mit guter Sicht auf den nördlichen Schwarzwald gesucht, an dem wir die ersten Entwicklungen vermuteten. Nicht weit weg von der A81 etwas nordöstlich von Leonberg wurde ein solches Plätzchen gefunden. Durch die dunstige Grundschicht waren Richtung Schwarzwald bereits erste, kleinere Cu zu sehen. Ansonsten war der Himmel wolkenfrei und die Sonne heizte voll ein. Gegen 16 Uhr wuchs einer der Cu-Wolken deutlich und kurz darauf um 16:15 Uhr erschien ein erstes, sehr schwaches Echo auf dem Radar. Anfangs sah die Konvektion nicht organisiert aus. Zudem schien sie Schwierigkeiten zu haben, über eine Höhe von ca. 9 km hinaus zu kommen. Ein erstes Bild zeigt die noch schwache Gewitterzelle um 16:22 Uhr:

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Obwohl die Zelle noch schwach war, stand im Grunde schon zu diesem Zeitpunkt fest: Das muss was geben. Während wir bereits die Zugrichtung abschätzten, die Straßenlage checkten und losfuhren, zeigte sich dann auch, dass der Aufwind des Gewitters gesund aussah (16:45 Uhr):

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Dann ging es sehr schnell. Ein kräftiger Impuls sorgte dafür, dass der Aufwind sich deutlich verstärkte und man konnte zu dieser Zeit bereits ahnen, welche Energiemengen an diesem Tag vorhanden waren. Der Aufwind der Zelle neigte sich zudem langsam (16:57 Uhr):

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Zu dieser Zeit standen wir leider in einem unfallbedingten Stau bei Großbottwar auf der A81. Da die Zelle nun auch deutlich an Dynamik und Geschwindigkeit zulegte, fürchteten wir, dass der Jagd bereits hier ein Ende gesetzt war. Gottseidank kamen wir doch schneller als gedacht aus dem Stau hinaus und konnten ein paar Kilometer weiter wieder einen schönen Blick auf die Zelle werfen. Hier deuteten die Strukturen bereits auf das Vorhandensein einer Mesozyklone hin. Der Aufwind war in sich verdreht (Korkenzieher) und zeigte eine breite Absenkung in Glockenform. Diese Strukturmerkmale sind typisch für LP-Superzellen (17:01 + 17:04 Uhr):

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Es war nun definitiv Zeit für einen ersten Stopp um Bilder dieser atemberaubenden Zelle zu machen. Dabei zeigte sich die massive Dynamik des Aufwindes. Die Rotation war selbst mit bloßem Auge gut zu erkennen (17:08 Uhr):

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Die niederschlagsfreie Aufwindbasis vergrößerte sich nun und man konnte beobachten, wie sich ein Zellsplit – ein für Superzellen charakteristisches Phänomen – vollzog (17:10 – 17:15 Uhr):

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Man konnte auch die Hagelabwehrflieger des Rems-Murr-Kreises sehen. Sie flogen mit ihren kleinen Maschinen unter dem Aufwind herum, der wie ein gigantischer Staubsauger wirkte. Bei diesem Anblick wird auch schnell klar, wie winzig der Mensch mit seiner Technik im Vergleich zu diesen Naturgewalten ist.

Der Fotostopp war vorbei uns wir mussten schnell weiter, um uns noch einmal vor die Zelle zu setzen. So ging die Fahrt weiter auf der A81, wo wir vor dem Autobahnkreuz Weinsheim (A81/A6) bereits in Hagelschlag (ca. 2 cm) kamen, der aus dem gigantischen Eisschirm der Zelle fiel. Die Größe des Eisschirmes und seine Verwehungen nach NO zeigten den starken Höhenwind an diesem Tag. Dabei werden die leichteren Hagelkörner weit vom Aufwind verfrachtet und fallen noch viele Kilometer weiter wieder zu Boden.

Weiter ging es auf der A6, wo die Sicht auf den Aufwindbereich der Zelle langsam wieder frei wurde (17:52 Uhr):

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Kurze Zeit später (17:57 Uhr) wurde ein kurzer Stopp an einer Raststätte eingelegt. Trotz etwas verdeckter Sicht war der Anblick der Superzelle einfach genial:

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Dann ging es weiter auf der Autobahn, den Aufwind stets im Nacken sitzend (18:02-18:09 Uhr):

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Ungefähr zu dieser Zeit ereignete sich laut Niederschlagsradar auch ein zweiter Zellsplit (in obigem Bild erahnbar).

Wir beschlossen uns dann dazu die Jagd zu beenden und den Aufwindbereich passieren zu lassen. Als geeigneter Punkt hierfür wurde ein kleiner Hügel, etwas südlich des Autobahnkreuzes (A6/A7) bei Feuchtwangen gewählt. Der Aufwindbereich zog nun direkt auf uns zu. Im Vordergrund das kleine Dörfchen Bergnerzell (18:28 Uhr):

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Auf dem Bild ist gut zu erkennen, wie sich ein mächtiger Aufwind-Impuls gen Himmel bewegte. Ansonsten war es auch vor Ort noch recht friedlich. Die Blitzaktivität war sehr gering und fast alle Entladungen fanden innerhalb der Wolken statt. Wie für LP-Superzellen typisch sah man auch hier kaum den Abwindbereich der Zelle. Generell sah die aufziehende Zelle für den Laien betrachtet eher unspektakulär aus. Auch eine vorbeilaufende Frau samt Hund zeigte sich von der Tatsache, dass wir wie wild Fotos/Videos machten, zig Stative herum standen und allgemeine Aufregung herrschte, deutlich irritiert. Sie fragte uns, ob denn mit diesem Gewitter etwas besonders sei. Nachdem wir dies bejahten, schaute sie nochmal ungläubig gen Westen und lief dann weiter. Die folgenden Bilder zeigen, dass sich während des Aufzugs die Aufwindbasis massiv vergrößerte. Der Aufwind explodierte regelrecht(18:30 – 18:48 Uhr):

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Auch diese Bilder zeigen jedoch noch nicht die Gewalt, die diese Superzelle mit sich brachte. Nachdem der Aufwind quasi direkt über uns war (wir befanden uns quasi an der Schnittstelle zwischen Auf- und Abwind der Zelle), kein Donnern zu hören war und auch der Wind nicht bemerkbar war, kam kurzzeitig etwas Skepsis auf. Es fielen einzelne Regentropfen. Und dann plötzlich auch erste Hagelkörner. Ganz vereinzelt schlugen sie auf dem Boden ein. Sie hatten einen Durchmesser von 3-4 cm, wie folgendes Bild zeigt:

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Es war immer noch windstill und es regnete nicht. Während die ganz vereinzelt gefallenen Körner gesammelt und vermessen wurden, kündigte ein seltsames Geräusch an, was bald folgen sollte. Aus dem kleinen Dörfchen Bergnerzell kam ein Krachen/Scheppern/Poltern. Dieser spezifische Lärm ist unverkennbar und kommt von größerem Hagel, der auf Dächer und andere Gegenstände fällt. Sofort wurde das Equipment verstaut und wir begaben uns ins Auto. Dann ging es los mit dem heftigsten Hagelschlag, den ich bis dato erlebt habe. Ohne Regen und Wind fielen immer größer werdende Eisbrocken senkrecht vom Himmel. Die schienen teilweise größer als Tennisbälle zu sein. Beim Aufschlag auf das Auto verursachten sie schlimm klingende, dumpfe Schläge. Die Hageldichte nahm etwas zu und wir bekamen Angst um die Scheiben. Die riesigen Brocken fielen weiter vom Himmel, selbst als bereits die Sonne langsam wieder zum Vorschein kam. Nach gut 10 Minuten Hagelschlag mischten sich noch ein paar Regentropfen unter den ansonsten trocken fallenden Hagel und dann war der Spuk vorbei.

Der oben geschilderte Hagelschlag sowie zwei Zeitraffersequenzen und die anfängliche Fahrt durch den kleinen Hagel auf der Autobahn ist auf dem folgenden Video ebenfalls dokumentiert:

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Beim Aufsammeln des Hagels konnten wir ganz unterschiedliche Formen finden:

– Runde Brocken, gewachsen aus einem Keim (klar und trüb) bis 6 cm Durchmesser
– Kugelförmige / Ovale Konglomerate aus kleinen Körnern bis 9 cm Durchmesser
– Bikonkave Platten bis 8 cm Durchmesser
– Angetaute und stachelige Schlossen bis 7 cm Durchmesser
– Mischformen

Die folgenden Bilder zeigen einige dieser Schlossen:

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Der größte von uns gefunden Brocken maß gut 9 cm im Durchmesser und wog beim Wiegen in der Nacht (daheim) nach einigem Abtauen immer noch gut 100 g:

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Wie in den Bilder zum sehen handelt es sich vermutlich um ein Bruchstück (ca. 1/3) eines noch größeren Stückes. Am Stück hätte dieses mit Sicherheit über 10 cm Durchmesser respektive 300 g Gewicht gehabt.

Den Verlauf der Superzelle inkl. der Zellsplits zeigt die folgende Radaranimation schön:

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Quelle: (C) WetterOnline – wetteronline.de

Als sich die Eindrücke dieses seltenen Ereignisses etwas gesetzt hatten, ging es auch an eine kurze Analyse der Schäden. Wie durch ein Wunder schien keine der Seitenscheiben und auch die Heckscheibe keinen direkten Treffer abbekommen zu haben. Einen solchen Einschlag hätte vermutlich keiner dieser Scheiben überstanden. Dies rührt vermutlich vom so gut wie nicht vorhandenen Wind beim Durchzug her. Wie wir selbst kaum glauben konnten hat auch die große Frontscheibe keinen direkten Treffer eines großen Korns abbekommen. Allerdings schlug ein Brocken auf den Randbereich, wodurch die Scheibe dann doch einen langen Riss bekam.

Auf dem Weg Richtung Bergnerzell wurden an einer Scheune zahlreiche Dachziegel zertrümmert. Bei der kurzen Fahrt konnten wir allerdings keine weiteren gravierenden Schäden in dem Dörfchen ausmachen.

Ende?

Sollte man denken…. aber der Tag war noch nicht vorbei! Die Luftmasse war größtenteils immernoch „intakt“ (soll heißen: instabil/energiereich). Sowohl auf dem Radar, als auch optisch war zu sehen, dass sich weitere isolierte Zellen gebildet hatten. Sowohl nördlich von Heilbronn, als auch bei Würzburg in Bayern. Allerdings fand inzwischen auch die Bildung des erwarteten großen Gewitterclusters statt. Auf dem Radarloop ist dieser beim Grenzübertritt von der Schweiz auf Deutschland zu erkennen. Wir waren geschickt positioniert (direkt an der Autobahn) und es gab daher zwei Möglichkeiten: Eine der anderen Superzellen jagen oder den Gewittercluster abfangen?!
Wir entschieden uns – unter anderem wegen dem etwas lädierten Auto, das wohl keinen weiteren Großhagel mehr ausgehalten hätte – für den Gewittercluster.

Auf der A7 ging es daher nach Süden Richtung Ulm. Anfangs war es in dieser Richtung nur dunkel. Als wir bei Ulm auf die A8 wechselten und in Richtung Augsburg fuhren, wurden dann aber schnell deutlichere Strukturen sichtbar. Die Gewitterlinie schob eine sehr ausgeprägte, laminar geschichtete und glattgezogene shelf-cloud vor sich her. In dieser Ausprägung sieht man solche Strukturen hierzulande nur äußerst selten:

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Augrund der sehr hohen Zuggeschwindigkeit war es schwer mit der Front mitzuhalten. Die Strukturen wurden jedoch immer schöner – der Ansporn wuchs:

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Man konnte erkennen, dass sich die shelf-cloud immer mehr von der Zelle abkoppelte und dieser deutlich voraus lief:

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Da das u.U. zur Abschwächung der Linie führen kann, beschlossen wir das Gewitter möglichst bald passieren zu lassen. Kurz vor Augsburg verließen die A8. Das wahre Monstrum war mit einer so hohen Geschwindigkeit unterwegs, dass es uns trotz etwas aufgebautem Vorsprung lediglich gelang, einige Bilder zu machen. Und auf diesen ist bereits der massive Sturm zu sehen, der beim Durchgang der Zelle folgte. Dabei wurde viel Dreck und Staub einer längeren Baustelle direkt an der A8 aufgewirbelt:

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Die Atmosphäre beim Aufzug war atemberaubend! Der Staubsturm ging dann über uns hinweg. Bis der eigentliche Niederschlag mit samt heftigem Gewitter folgte, verging allerdings noch eine ganze Zeit (wie gesagt, die shelf-cloud und daher auch die starken Winde am Boden liefen dem Abwind regelrecht davon). Obwohl der Sturm recht stark war gab es auch hier kaum nennenswerte Schäden in der Umgebung. Das änderte sich jedoch, als wir auf der Heimfahrt waren. Wie es einige Modellkarten andeuteten (s.u.), wurde der Gewittercluster großflächig von schweren Sturmböen/Downbursts begleitet.
Richtung Ulm lagen auf den Nebenstraßen zahlreiche umgestürzte Bäume. Die Feuerwehren und andere Einsatzfahrzeuge der Behörden waren im Dauereinsatz um die Schäden zu beseitigen. Örtlich hatte es schwere Schäden gegeben. An einem Baumarkt beispielweise wurden einige der ausgestellten Gartenhäuschen in ihre Einzelteile zerlegt.

Auch in Tübingen gab es durch das Unwetter schwere Schäden. Speziell den Schönbuch hatte es hart getroffen. Hier wurden unzählige große und gesunde Eichen Entwurzelt, umgeknickt oder einfach abgebrochen. Die Bäume waren komplett gesund, hatten Durchmesser teilweise über 1.5 m und haben schon so manchen Sturm überstanden. Die Downbursts schlugen bei ihrer Arbeit regelrechte Schneisen in den Wald. Das Fallmuster der Bäume deutete teilweise auf starke vertikale Winde hin, was ebenfalls typisch für Downbursts ist. Anhand der Schäden würde ich auf Wingeschwindigkeiten von bis zu 130 km/h, in einzelnen Böen auch darüber ausgehen.

Eine kleine Übersicht an Medienartikeln zu diesem fast schon historischen Unwettertag im Südwesten soll an dieser Stelle einen Überblick über die Schadensbilanz geben.

Einige Medienberichte:

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Wetterlage am 30.06.2012

Im Folgenden soll eine kurze Analyse der Wetterlage und speziell der Gewitterindizes die Gefährlichkeit der Situation am 30.06.12 veranschaulichen. Dazu verwende ich Wetterkarten des WRF-ARW Modells von Janek Zimmer (modellzentrale.de) mit einer Maschenweite von 4 km. Im Allgemeinen liefert dieses Modell bei konvektiven Ereignissen in der Kurzfrist gute bis sehr gute Ergebnisse.

Auf einer typischen Trogvorderseite wurden extrem warme und feuchte Luftmassen advehiert. Die Sonneneinstrahlung sollte darüber hinaus bis zum späten Nachmittag gewährleistet sein. Ein mäßiger Deckel sorgte weiterhin dafür, dass sich die Energie auch bis zum Schluss aufbauen konnte. Und diese Energiewerte sollten den Modellen nach im Grenzbereich des Möglichen für Mitteleuropa bewegen. Die folgende Karte des hochaufgelösten Modells WRF-ARW 4km (00z Lauf) zeigt die ML-CAPE/CIN Werte für den 30.06. um 12z (14 Uhr MESZ):

30_06_12 CAPE 12z

(C) Janek Zimmer – modellzentrale.de

Bereits um diese Uhrzeit sollten die Werte bei 2-3000 J/kg liegen. GFS, ein anderes Modell kam zu ähnlich hohen Werten für 18z:

GFS CAPE 18z

(C) Wetterzentrale – wetterzentrale.de

Auch die gerechneten Temperaturen und Taupunkte lagen am oberen Ende des Möglichen:

30_06_12 T2m 12z 30_06_12 TP 12z

(C) Janek Zimmer – modellzentrale.de

Für die Region des mittleren BaWü’s sollten demnach um 14 Uhr bereits 30 °C bei 20 °C Taupunkt erreicht werden. Ergänzt wurde diese explosive Luftmasse noch von sehr kräftiger Windscherung. Die folgende Karte zeigt die Windrichtung/-geschwindigkeit für 12z in unterschiedlichen Höhen:

30_06_12 barbs 12z

(C) Janek Zimmer – modellzentrale.de

Schön zu sehen ist die Richtungsscherung des Windes (von SO am Boden auf SW in 300 hPa drehend). Auch die Geschwindigkeitsscherung ist gut zu erkennen.

Ein solches Windprofil mit ausgeprägtem veering (Rechtsdrehung des Winds mit der Höhe) und starker Geschwindigkeitsscherung in Kombination mit den bereits erwähnten anderen Parameter ist ein deutlicher Indikator für sehr organisierte und meist schwere Gewitter; allen voraus Superzellen (beim veering Profil: zyklonale Rotation bevorzugt)! Modelle, welche einen Superzellenparameter haben, sprangen bei diesem Setup natürlich an. Dies zeigt auch die folgende HiRLAM Karte, auf der die 0-3 km SRH (Storm Relative Helicity) sowie die Superzellenparameter zu sehen sind:

SRH HiRLAM 18z

(C) LightningWizard – lightningwizard.com

Hebung kam – neben der Orographie, welche bei der Auslösung der Superzellen förderlich war – auch von weiter oben. Der Jet näherte sich und quasi über Baden-Württemberg sollte gegen 18z eine Divergenz auf 300 hPa liegen, welche für dynamischen Hebungsantrieb sorgen sollte:

GFS Jet 18z

(C) Wetterzentrale – wetterzentrale.de

Davon dürfte speziell der Gewittercluster, welcher aus der Schweiz heraus quer über den Südwesten zog, profitiert haben.

Die Luft war zudem sehr feucht, was sich in der folgenden Karte (PW = precipitable water = niederschlagbares Wasser) wiederspiegelt:

30_06_12 pw 12z

(C) Janek Zimmer – modellzentrale.de

Es musste daher auch mit hohen Niederschlagsmengen in kurzer Zeit gerechnet werden.

Die nächste Karte zeigt, dass die Wolkenunterseiten meist recht hoch liegen sollten (LCL für 15z):

30_06_12 LCL 15z

(C) Janek Zimmer – modellzentrale.de

Dies führt wiederum dazu, dass die Hagelgefahr ansteigt (nur geringe Mengen warmen Niederschlags/Regen im unteren Stockwerk der Gewitterwolke). Durch die anderen Parameter und die daraus resultierenden möglichen Geschwindigkeiten der Aufwinde sollte der etwaige Hagel zudem groß bis sehr groß sein.

Noch zu erwähnen ist, dass auch durch die Schichtung der Luft die Gefahr von Downbursts bestand. Speziell wenn in mittleren Schichten Einschübe trockener Luft vorhanden sind, steigt diese Gefahr an. Auch dies war an jenem Tag gegeben. Die unten gezeigten Karten zeigen die Querschnitte der Atmosphäre über Mitteleuropa. Interessant bezüglich der Feuchte ist hier stellvertretend der Wert der Theta-E (Pseudoäquivalent-potentielle Temperatur). Als repräsentativ für das mittlere BaWü nehme man 48° N, 9° O:

30_06_12 cross 1 15z 30_06_12 cross 2 15z

(C) Janek Zimmer – modellzentrale.de

Da die Höhenwinde, welche in starken Abwinden zum Boden hin „heruntergemischt“ werden, ebenfalls sehr stark waren, bestand am 30.06. eine erhöhte Gefahr von Starkwindereignissen. Bei der beobachteten LP-Superzelle hielt sich diese Gefahr noch sehr in Grenzen, da der Abwind aus Großhagel bestand und die starken Winde damit kaum heruntergemischt wurden. Kalte Fallwinde durch Niederschlagsverdunstung in den trockenen Schichten war bei Hagel als dominierende Niederschlahgsform ebenfalls nicht zu erwarten. Die Effekte sollten sich aber – wie bereits beschrieben – beim abendlichen Gewittercluster deutlich bemerkbar machen!

Alles in allem also kein Wunder, dass auch das Modell bereits um 15z (17 Uhr MESZ) eine isolierte, aber gewaltige Gewitterzelle rechnete, welche sich zu diesem Zeitpunkt nordöstlich von Stuttgart befinden sollte. Die unten stehende Karte (maximale Radarreflektivität + DLS) zeigt diese Zelle deutlich:

30_06_12 dbz 15z

(C) Janek Zimmer – modellzentrale.de

Die Langlebigkeit der gerechneten Zelle sowie den ebenfalls richtig gerechneten Zellsplit zu Beginn der Entwicklung zeigt die 6-stündige Niederschlagssumme:

30_06_12 RR6h 18z

(C) Janek Zimmer – modellzentrale.de

Nun sollen noch ein paar Worte zur Realität an jenem Tag gesagt werden. Wie man weiß, können Modelle viel rechnen; die Realität sieht oftmals deutlich anders aus. Den besten Überblick verschafft man sich über die Sondenaufstiege, welche vom DWD zwei mal täglich durchgeführt werden. An einem großen Wetterballon wird eine kleine Sonde aufsteigen gelassen, welche dabei den Temperatur-, Taupunkt- und Windverlauf in der Atmosphäre misst. Allein diese wenigen Werte sind für Gewitterliebhaber sehr aufschlussreich. Normalerweise wird immer um 00z, d.h. 2 Uhr MESZ und 12z = 14 Uhr MESZ sondiert. Es ergab sich (aus mir unbekannten Gründen), dass am 30.06.12 an der repräsentativen Station Stuttgart nur um 00z und um 6z sondiert wurde. Die 12z Sondierung wäre sehr aufschlussreich gewesen, da quasi fast genau in dieser Luftmasse nur wenige Stunden später die Bildung der Superzellen stattfand. Trotz alledem soll hier das Sounding (engl.) von Stuttgart, 6z kurz besprochen werden:

Stuttgart Sounding 6z

(C) University of Wyoming – weather.uwyo.edu

Zunächst ist, wie von den Modellen gerechnet, eine mächtige, trockene Luftschickt zwischen 600 hPa und 450 hPa (~ 3500 m und 6500 m) zu erkennen. Die Taupunktkurve (linke Kurve) macht hier einen großen Knick zu tiefen Taupunkttemperaturen. Diese Luftschicht war mit sicherheit ausschlaggebend dafür, dass sich sehr großer Hagel gebildet hat. Ach der Superzellentyp LP (low precipitation) wird unter anderem durch trockene Luft in mittleren Schichten begünstigt (daneben z.B. noch durch große Windgeschiwindigkeiten in den oberen Stockwerken, welche an diesem Tag ebenfalls vorhanden waren).

Die lapse-rates (Temperaturabnahme mit der Höhe) war ebenfalls recht ausgeprägt, was u.A. zu starken Aufwinden führt. Man muss natürlich in Betracht ziehen, dass es beim Sondenaufstieg gerade 8 Uhr MESZ war. Die Luftmasse der Grundschicht und ggf. die des EML (Elevated Mixed Layer) ist damit nicht repräsentativ für die Zeit der Gewitterbildung (16 Uhr MESZ). Dennoch kann man bereits um 8 Uhr zwei kleinere Deckel erkennen (jew. kleiner Knick der Temp. Kurve bei 900 und 800 hPa). Diese Deckel wurden durch den Tagesgang mit Sicherheit noch etwas massiver und verhinderten dadurch eine frühe und speziell verbreitete Auslösung von Konvektion. Erst gegen 16 Uhr wurde der Deckel dann im Nordschwarzwald bei Bad Wildbad durchbrochen, was zur beschriebenen Superzelle führte.

Von Hand kann man versuchen, die unterste Grundschicht im Sounding auf die erwarteten bzw. beobachteten Temperaturen zu „korrigieren“. Dies zeigt die folgende Grafik, bei der der Taupunkt von 6z grob unverändert belassen wurde, die Temperatur am Boden und der untersten Luftschicht jedoch auf ungefähr 30 °C angehoben wurde:

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Der Aufstieg einer solchen Luftmasse zeigt die orangene Linie (trockenadiabatisch) bis zum Schnittpunkt mit der blauen Linie. Von dort (LCL = Lifting Condensation Level) muss die Luftmasse den Deckel durchbrechen um danach (LFC = Level of Free Convection) ungehindert bis zum EL (Equilibrium Level) – welches an dem Tag bei ca. 11 km lag – aufzusteigen. Diesen Verlauf zeigt die rote Kurve.

Zum Schluss noch zum aufgezeichneten Windprofil, welches rechts durch die Fähnchen/Pfeile dargestellt ist. Es ist sehr schön zu sehen, wie der Wind mit zunehmender Höhe immer stärker wird. Dies ist die bereits von den Modellen angedeutete Geschwindigkeitsscherung. Es sei darauf hingewiesen, dass sich die Scherungsverhältnisse im weiteren Tagesverlauf mit Sicherheit noch verschärft haben. Die Annäherung des Jet-steaks bzw. der Front erhöht die Scherung nämlich noch weiter. Auch sorgt sie durch Modifizierung des Windes in den unteren Schichten dafür, dass zusätzlich zur Geschwindigkeitsscherung auch Richtungsscherung (veering) erhalten wird. Auch dies ist auf dem Sounding aufgrund des frühen Aufstiegs leider kaum zu sehen.

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