Schweres Superzellengewitter am 19.06.13 in Frankreich

Der 19.06.13 versprach schon einige Tage vorher ein brisanter Tag zu werden. Auf der Vorderseite eines Troges lagen in ganz Deutschland sowie auch in den Nachbarländern sehr energiereiche Luftmassen:

CAPE GFS 18z

(C) Wetter3 – wetter3.de

Die explosive Grundschicht war jedoch im Südwesten Deutschlands noch stark gedeckelt und generell waren die Luftschichten darüber noch etwas zu trocken, was eine Auslöse eher unwahrscheinlich erschienen ließ. Zudem war die Dynamik über Baden-Württemberg noch zu schwach für heftigere Gewitter. Repräsentativ zeigt dies der Radiosondenaufstieg von Stuttgart um 12z (s.u.).

Weiter im Nordwesten sowie in Ostfrankreich sah es jedoch deutlich anders aus. Auch hier lag eine Luftmasse, welche im Tagesverlauf ML-CAPE Werte von über 2000 teilweise sogar über 3000 J/kg aufwies. Der nahende Trog aus Westen machte sich hier jedoch zusätzlich durch eine ausgeprägte Windscherung bemerkbar. Gepaart mit einem mäßigen Deckel und einem deutlich besseren Feuchteangebot stand hier das Setup für schwere Gewitter, insbesondere für langlebige Superzellen bereit. Als repräsentativ für die Dynamik diene hier der Sondenaufstieg von Nimes/Frankreich (00z). Wenngleich stark ausgeprägte Labilität hieraus nur schwer erkennbar ist, so stelle man sich einfach eine grobe Mischung der Aufstiege von Stuttgart und Nimes vor:

Sounding STR Sounding Nimes

(C) University of Wyoming – weather.uwyo.edu

Aufgrund der Tatsache, dass in BaWü erst am Tag darauf mit Gewittern zu rechnen war, fiel die Entscheidung bereits an diesem Tag loszugehen und dabei zunächst nach Nordwesten Richtung Saarland zu fahren.

In der brütenden Hitze bei teilweise über 35 °C und Taupunkten um und über 20 °C gestaltete sich die Fahrt und das Warten auf die Gewitter als sehr anstrengend. Leider blieb die Auslöse auch bis zum späten Nachmittag aus. Nur in Frankreich zogen erste schöne Gewitterzellen durch das Land.

Aus diversen Gründen fällten wir irgendwann die Entscheidung wieder Richtung Heimat zu fahren… dies allerdings nicht auf direktem Weg, sondern über Frankreich. Wohlwissend, dass uns hier kein Internet/Radar/etc. zur Verfügung stand. Mehr oder weniger auf Sicht fuhren wir der ersten dicken Superzelle entgegen, welche bereits von sehr großer Distanz majestätisch aussah: Der gigantische Eisschirm war mit Mammatus Wolken geschmückt und man konnte bereits das Inflow-Band der riesigen Zelle erkennen:

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Es ging dann weiter Richtung Aufwindbereich der Zelle, welche zu diesem Zeitpunkt einige Schäden an Gebäuden anrichtete. Bei diesem Ereignis handelte es sich den ausführlichen Untersuchungen von Keraunos zufolge um einen Tornado der Kategorie F3, was Windgeschwindigkeiten bis ca. 330 km/h entspricht. Eine Analyse zu diesem bemerkenswerten Ereignis ist auf der Seite von Keraunos zu finden.

Nachdem wir uns durch den Feierabendverkehr um Metz gekämpft hatten und uns nach Bauchgefühl richtig positioniert hatten, wurde jedoch optisch schnell klar, dass es sich bei der Zelle nicht mehr länger um eine Superzelle gehandelt hat. Es schien nun viel mehr ein Multizellensystem zu sein, das sowohl im Nordosten als auch südlich durch neue Aufwinde anbaute:

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Nach kurzem Stopp ging es weiter Richtung Süden und damit erst auch weiter gen Heimat. Die Entwicklungen im Süden der Multizelle schienden dabei jedoch optisch sehr interessant und tatsächlich schaffte es eine dieser Zellen, sich massiv zu verstärken und sich in eine ausgewachsene Superzelle zu verwandeln. Im Inflowbereich von Superzellen sind solche Neuentwicklungen nicht ganz selten, da die bereits bestehende Zelle quasi die Helizität/Vorticity regelrecht einsammelt. Kommt es in diesem Bereich dann zu Hebungsprozessen, was beispielsweise durch Outflow der alternden/sterbenden Zelle induziert werden kann, läuft die neue/südliche Zelle in mehr oder weniger idealem Umfeld.

Schon früh kündigte sich die Zelle durch sehr ausgeprägte Mammatus Wolken an:

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Bei der Anfahrt konnten wir außerdem sehen, wie ein Bodenblitz gut und gerne 20-30 km vor dem eigentlichen Zellkern einschlug. Voran ging eine Blitzentladung in der Zelle, welche man nur schwach erkannte. Aus dieser Entladung heraus schlängelte sich der Blitz vermutlich am Amboss bzw. Eisschirm der Zelle entlang und schlug von dort in großer Entfernung senkrecht in den Boden. Solche Blitzschläge sind zwar eher selten, dafür kommen sie jedoch quasi aus heiterem Himmel.

Glücklicherweise standen wir kurze Zeit später sehr gut und konnten so den Aufzug erst einmal in aller Ruhe beobachten. Eine gute Position zu finden war mit dem Shell-Atlas jedoch nicht ganz einfach… Ein Zeitraffer, sowie der Großteil der im Folgenden beschriebenen Szenen findet sich auch in einem Video am Ende des Beitrages unten. Der Aufwindbereich der Zelle zog dabei grob in unsere Richtung wobei die Strukturen immer deutlicher sichtbar wurden:

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Ein Satellitenbild von ungefähr dieser Zeit zeigt eindrücklich die Mächtigkeit der Gewitterzelle:

Sat24 Zelle

(C) Sat24 – sat24.com

Die Superzelle scherte im weiteren Verlauf doch deutlich nach Osten aus und wird mussten uns daher noch einmal etwas verlagern. Bereits auf der Fahrt war nun der atemberaubende Aufwindbereich der Zelle zu erkennen. Der laminare Inflowbereich der Zelle ging in die Wallcloud über, was den riesigen Aufwindbereich einfach nur gigantisch erschienen lies. Vom Abwindbereich her konnte man eine sehr hohe Blitzrate erkennen, die teilweise sicher bei 20-30 Blitzen pro Minute lag:

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Nahe der kleinen Stadt Lunéville (südöstlich von Nancy) positionierten wir uns ein weiteres mal. Der gewaltige und rotierende Aufwind war nun schon recht nahe. Da wir an diesem Tag auch die Bildung eines Tornados für möglich hielten, galt unser besonderes Augenmerk einer dunklen Absenkung im Bereich am Auf-/Abwindinterface (wir wussten zu diesem Zeitpunkt noch nichts vom F3 Tornado gute 100 km weiter südwestlich). Ein rain-wrapped Tornado war nicht unbedingt das, womit mir es zu tun haben wollten. Nach weiterer Beobachtung stellte sich dann auch heraus, dass es sich eher um eine Art Regenfuß handelte. Die folgenden Bilder zeigen die Szenerie zu diesem Zeitpunkt. Zu beachten sind dabei mehrere Dinge: Alle Aufnahmen sind mit großem Weitwinkel gemacht (9 mm Crop/14mm KB) und dennoch musste ich für die Panoramen 4 solcher Bilder hernehmen. Die Zelle war einfach riesig und dazu schon recht nahe. In den Bildern kann man außerdem versuchen, die typische Morphologie einer Superzelle zu erkennen: Der Inflowbereich, welcher laminar geschichtet ist und vorderseitig shelf-artige Strukturen aufweist; die Wallcloud weiter rechts Richtung FFD; ein Teil des Niederschlagkerns, welcher durch die Rotation quasi hinten herum gewickelt wird und letztlich auch der Bereich des RFD, erkennbar durch den klaren und hellen Bereich links hinten:

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Die Zelle scherte nun gefühlt noch stärker aus und um unter dem niederschlagsfreien Aufwind zu bleiben, versuchten wir weiter nach Süden zu fahren. Der von Blitzen durchzuckte und bedrohlich aussehende Abwindbereich kam dann jedoch so schnell in unsere Richtung, dass wir beschlossen lieber eine etwas geschützte Position zu finden, um uns dann überrollen zu lassen. Auf einen Treffer während der Fahrt durch bewaldetes Gebiet konnten wir nämlich verzichten.

Anfänglich fiel nur feiner Regen, der Wind frischte deutlich auf und erreichte sicher Sturmstärke in Böen. Nach und nach wurde es stockdunkel und nur noch das Geflackere der Blitze erhellte die Umgebung. Dann fielen erste Hagelkörner, welche jedoch mit 1-2 cm noch nicht sonderlich groß waren. Kurze Zeit später regnete und stürmte es dann wieder heftig. Ob es das schon gewesen war?! Der schwarze Himmel sowie die vielen Blitze, welche immer noch Richtung Westen zu sehen waren deuteten jedoch an, dass es nun erst richtig losgehen sollte. Der Hagelschlag begann nun wieder und dieses Mal waren auch einzelne große Brocken dabei. Da aussteigen zu diesem Zeitpunkt natürlich nicht möglich war und der Hagel mit viel Regen fiel, sind die Durchmesser, die wir später bestimmt haben natürlich nur sehr bedingt aussagekräftig. Aber wir schätzen einzelne Hagelsteine auf 5 cm Durchmesser, wenngleich der Großteil bei 3-4 cm gelegen haben dürfte. Der Hagel fiel nun immer dichter, wobei die Größe zwar abzunehmen schien, der starke Wind machte aber auch die 3 cm großen Körner zu richtigen Geschossen.

Hier zwei Bilder einiger durch den starken Regen deutlich angetauten Körner. Sie haben hier noch ca. 3-3.5 cm Durchmesser:

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Ungefähr 10 Minuten später war das Gröbste vorbei. Nachträglich zeigt ein Blick auf das Radar inkl. Blitzkarte, dass wir an unserer Position bei Lunévill mehr oder weniger voll getroffen worden sind (der folgende, normalerweise kostenpflichtige Radarloop wurde mir freundlicherweise zur Verfügung gestellt):

Zoom Donnerradar Frankreich

(C) metradar.ch (kostenpflichtiger Zoom-Loop)

Wir fuhren dann über eine südliche Schleife Richtung Heimat. Dabei konnte man die Zelle fast im Sekundentakt flackern sehen. Sie zog weiter auf einem NO-Kurs auf Deutschland zu. Da sich die Bedingungen für die Mesozyklone mit jedem Kilometer Richtung Rhein jedoch verschlechterte, war es nur eine Frage der Zeit, bis auch diese große Zelle zerfiel. Die deutlich sinkende Blitzrate kündigte weitere 20 min. später dann auch tatsächlich das Endstadium an. Wir fuhren schnell noch rechts ab und versuchten einige Fotos der sterbenden Zelle zu machen. Tatsächlich war der Aufwindbereich durch die Blitze immer noch schön ausgeleuchtet. Zudem kann man auf diesen Fotos die Rotation der Mesozyklone regelrecht greifen: Die Quellungen schraubten sich Korkenzieherförmig in den Himmel:

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Vergrößerter Bildausschnitt:

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Und dann starb das Gewitter – wie es typisch ist für solche Zellen – binnen nur weniger Minuten komplett ab. Die Blitzrate betrug davor noch ca. 5-6/Minute und sank dann abrupt auf 0.

Ein ausführliches Video zeigt viele der beschriebenen Szenen inkl. Zeitraffer des Aufzugs, Anfahrt, den gigantischen Aufwindbereich, Hagelschlag sowie die bei Nacht blitzende Zelle:

Es war nun 22:45 Uhr. Zwar machten sich weitere Zellen weiter südwestlich bemerkbar, da aber am nächsten Tag in BaWü eine schwere Gewitterlage bevorstand und wir noch einige Stunden Rückfahrt zu bewältigen hatten, beschlossen wir uns dazu den Heimweg anzutreten. Im Nachhinein wissen wir, dass auch bei diesen späten Nachtgewittern wieder eine schöne Superzelle dabei war. Sie zog später nicht weit entfernt nach NO und wäre sicherlich ein weiteres Highlight gewesen.

Auf der Heimfahrt konnten wir dann noch sehen, wie in Frankreich die Bevölkerung am Straßenrand durch elektronische Beschilderung auf drohende Unwetter hingewiesen wird. Dieses Konzept wäre auch für Deutschland wünschenswert und würde sicherlich zusätzlich viele Menschen erreichen:

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