Rightmover mit Hagel, 19.06.12

Eine sehr spannende Wetterlage kündigte sich für diesen Tag an. Im Vorfeld eines Trogs waren die Parameter für schwere Gewitter den Modellen nach ideal: Eine sehr feuchte und warme Grundschicht, darüber ein mäßiger Deckel, nicht all zu starker Föhn, Aufbau von 1-2000 J/kg CAPE möglich und saftige Windscherung (speziell Geschwindigkeitsscherung). Trotzdem bestand in der Modellwelt noch lange keine Übereinkunft für Gewitter. Manche Modelle rechneten quasi keinen Niederschlag und gestalteten sogar das Durchschwenken des Trogs als unspektakulär. Es lief also alles auf nowcast (aktuelles Beobachten) hinaus.

Da das Potential grundsätzlich hoch war und die etwaigen Zellen nicht ganz langsam unterwegs sein sollten, ging es zunächst um einen idealen Standort für das Abwarten/“nowcasten“. Als potentiell interessante Gebiete kamen Oberschwaben, die schwäbische Alb, der Schwarzwald-Baar Kreis sowie die Neckarregion in Frage. Es wurde daher ein nettes Plätzchen auf der Albhochfläche mit guter Verkehrsanbindung gewählt. Da es immer recht schwer zu sagen ist, wann der Deckel durchbrochen wird, ging es schon am späten Mittag los.

Auf der Alb angekommen, wurde zunächst ein Schauer sichtbar, der sich bei Villingen-Schwenningen bildete. Kurzzeitig bestand die Hoffnung, dass es bereits logehen könnte. Der kleinen Zelle fehlte jedoch noch der richtige Impuls und sie zerfiel daher rasch wieder. Der Himmel zog nun langsam zu. Es schien dabei leichte Konvektion oberhalb des EML zu geben, die jedoch nicht zur Grundschicht durchgreifen konnte. In der Grundschicht selbst war es – abgesehen von einer einzelnen Quellwolke (Cumulus) – ruhig. Daran änderte sich zunächst auch nichts. Während die Zeit langsam verstrich, konnte man einige weit entfernte Gewitterwolken am bayrischen Alpenrand erkennen:

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Außerdem war die bereits angesprochene Quellwolke bei Villingen-Schwenningen nach wie vor zu sehen. Immer wieder schien sie einen kurzen Impuls zu bekommen. Sie schaffte es dabei jedoch nicht durch den EML.

Der Abend brach an und aus Westen näherten sich leichte Niederschlagsgebiete (Regen). Wie es bei solchen Lagen öfters der Fall ist, sah es immer mehr nach einem Flop aus. Denn wenn keine Hebungsimpulse vorhanden sind, passiert nichts. Auf Hebung durch thermische Überhitzung konnte man dank der Bewölkung seit dem Mittag nicht mehr hoffen. Alle Hoffnung lag daher auf dynamischen Prozessen, die aber meist nicht wirklich sichtbar sind.

Um 20:15 Uhr bildeten sich bei Ravensburg dann endlich erste Zellen. Ausgehungert von der langen Warterei wurden diese sofort ins Auge gefasst und es ging von der Alb daher los Richtung Oberschwaben. Während der Fahrt wurde um 20:40 Uhr dann auf dem Radar sichtbar, dass die angepeilte Zelle sich geteilt hatte. Der Rightmover steuerte auf Memmingen zu, der Leftmover mit großer N-Komponente voll auf die Albhochfläche. Hier ein Bild vom Aufwindbereich des Leftmovers:

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Bei Riedlingen war dann klar: weder der Left- noch der Rightmover war ohne Autobahn erreichbar. Es blieb nur der Blick auf die abziehende Konvektion, welche allerdings in den letzten Resten des Tageslichts spektakulär aussah:

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Auf dem Radar zeigte sich jedoch, dass sich bei Villingen-Schwenningen nun auch eine Zelle entwickelte. Diese schien sich deutlich zu intensivieren und nach rechts auszuscheren. Dabei überquerte sie auch den ehemaligen Standpunkt auf der Albhochfläche. Es wurde dann schnell klar, dass es sich bei der Zelle vermutlich um eine Superzelle handeln würde. Wie es sich für eine solche gehört, lenkte sie kurze Zeit später in die sog. Donauschiene ein. Diese beschreibt eine Zugbahn von Gewitterzellen, welche quasi genau entlang der Donau von SW nach NO ziehen. Nicht selten handelt es sich dabei um Superzellen. Glücklicherweise war unser aktueller Standort genau richtig für das Abpassen der Zelle. Nach kurzer Suche war ein nettes Plätzchen für den Aufzug nahe Munderkingen gefunden. Die Zelle steuerte genau auf uns zu. Sie machte sich recht früh durch eine hohe Blitzfrequenz bemerkbar. Immer häufiger leuchteten die Blitze auch den Aufwindbereich der Zelle aus. Dieser kam direkt auf uns zu und schien eine Wall-Cloud aufzuweisen. Nun einige Bilder des Aufzugs mit Blick nach SW (leider passierte mir beim Fokussieren ein Fehler, weswegen die Bilder alle unscharf sind):

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Die folgende Animation zeigt den Aufzug noch einmal schön. Hier kann man auch die zyklonale Rotation der Zelle erahnen und die Entwicklung der Wall-Cloud ist ebenfalls schön zu sehen:

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Kurze Zeit später (23 Uhr) folgte dann heftiger Hagelschlag. Der Durchmesser der Schlossen lag geschätzt bei 3-4 cm. Außerdem begann es gleichzeitig auch zu stürmen. Die Kombination aus größerem Hagel und Sturm ist besonders heftig.

Da eine Bundesstraße genau entlang der Donau existiert und diese um diese Uhrzeit nicht sonderlich befahren ist, wurde beschlossen der Zelle – sofern möglich – noch etwas zu folgen. Die Fahrt dauerte lange und wurde immer wieder von Hagelschlag und Downburst mit „white-out“ (sehr feiner Niederschlag) begleitet. Der Wind erreichte dabei in einigen Böen sicher Orkanstärke. Zwischen Ulm und Günzburg löste sich höchstwahrscheinlich die Mesozyklone auf. Die Zelle schwächte sich daraufhin sehr schnell ab (10 min. später keine Blitzaktivität mehr) und löste sich dann ebenfalls ganz auf.

Das folgende Video zeigt den Aufzug der sehr blitzaktiven Zelle, den einsetzenden Hagelschlag, den Downburst sowie die Fahrt entlang der Donau unter der Zelle:

Der Hagel/Sturm richtete an der Vegetation (speziell an der Landwirdschaft) größeren Schaden an. Der Hagel sorgte außerdem auch für Hagelschäden an Autos. Die Feuerwehr musste einige Keller auspumpen.

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