Leftmover im Schwarzwald, 07.06.12

Es stand mal wieder eine brisante Wetterlage für den Südwesten an. Ein Langwellentrog und dessen Folgen sollten dabei das Wetter bestimmen. Trogvorderseitig sollte dabei massive Warmluftadvektion stattfinden. Zusätzlich wurde auch die sog. EML aus Südwesten (Spanien) advehiert. EML steht für Elevated Mixed Layer und steht für eine gehobene, durmischte (Grenz-)Schicht. Diese Schicht hat ihren Ursprung über den großen Kontinentalflächen (z.B. Spanien). Beim Heranführen in unsere Gebiete wird sie auch etwas angehoben und liegt daher auch über der Grundschicht. Doch warum ist die EML nun bei Gewittern relevant? Das liegt daran, dass sie bei Trogvorderseiten oft für den sog. Deckel sorgt. In der Grundschicht unter der EML sammelt sich dabei feuchte und warme Luft (oft auch aus SW advehiert), die jedoch am Aufsteigen gehindert wird (-> Dampf im Kochtopf mit Deckel). Es bilden sich daher zunächst kaum Quellwolken und die Sonne kann die potentielle Energie (CAPE) weiter erhöhen. Setzt dann später mit Annäherung des Trogs dynamische Hebung ein, kann die gesammelte Energie für schwere Gewitter sorgen. Ist eine solche Lage deutlich ausgeprägt, spricht man auch von einer „Spanish Plume“.

Zurück zum 07.06.13: Die genannten Effekte sollten laut den Modellen für 500-1000 J/kg CAPE sorgen. 0-6 km DLS (Windscherung in 0-6 km über Grund) lag bei ca. 20 m/s und war damit ebenfalls gut für organisierte Gewitter. Die stärksten Hebungsimpulse wurden jedoch erst am Abend mit der eintreffenden Kaltfront gerechnet. Der Fokus und die Hoffnung lagen daher auf Zellen, die sich ggf. vor der Kaltfront/squall-line bilden würden.

Der Standpunkt wurde daher zeitig an die A81 verlegt, um auf solche Zellen schnell reagieren zu können. Wie immer bei solchen Lagen muss man den Föhn berücksichtigen, welcher auch an diesem Tag sehr aktiv war und zunächst für absolut gewitterfeindliche Bedingungen sorgte. Vermutlich lag es auch daran, dass sich bis zum späten Nachmittag keine vorlaufenden Zellen am Schwarzwald und auf der schwäbischen Alb Bilden konnten. Die Erwartungen sanken daher etwas, speziell weil auch die Kaltfrontgewitter, welche zu diesem Zeitpunkt noch über Frankreich waren, auch nicht sonderlich stark ausgeprägt waren.

Um 16:15 Uhr entwickelte sich über dem schweizer Jura eine Gewitterzelle, die zunächst weiter nach NO Richtung Schwarzwald zog und sich dabei etwas intensivierte. Gegen 17 Uhr befand sie sich leicht südwestlich des Südschwarzwalds und teilte sich zunächst in zwei Gebiete (kein klassischer Zellsplit). Während der südliche Teil weiter mit der Haupströmungsrichtung zog, scherte der nördliche stark nach links (Norden) aus. Dieser Leftmover sog dann mit hoher Geschwindigkeit über den Hochschwarzwald und kam langsam in Sichtweite. Da der Aufwind im Westen/NW lokalisiert war, sah der Anblick der Zelle leider nicht sonderlich spektakulär aus (Blick aus NO, bei Schramberg). Man konnte allerdings den kräftigen und niederschlagsfreien Aufwind und die deutlichen Fallstreifen erkennen, welche auf Hagel hindeuteten:

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Aufgrund der schlechten Straßenlage innerhalb des Schwarzwalds, der hohen Zuggeschwindigkeit und dem enormen Norddrift war an eine Verfolgung der Zelle nicht zu denken. Selbst das Positionieren für einige Fotos gestaltete sich schwer:

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So blieb nur ein Blick von etwas weiter östlich auf die vorbeiziehende Zelle, die auch noch weiter nördlich für Hagelschlag mit Korngrößen um 3 cm sorgte:

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Außerdem konnte ich noch einen Naheinschlag aus der Zelle auf Video dokumentieren. Dieser zeigt, dass Blitzschlag auch bei recht entfernten Gewitterzellen immer eine nicht zu unterschätzende Gefahr darstellt:

Während dessen kamen auch die Kaltfrontgewitter aus Frankreich näher. Dabei sah es ganz im Südwesten in einem Streifen von Basel bis an den Bodensee noch am besten aus, während es weiter nördlich mehr nach gewittrig durchsetztem Regen aussah. Dank der A81 war es zeitlich möglich vor der Gewitterfront am Bodensee zu sein. Am Autobahnkreuz Hegau sah es Richtung Westen zwar dunkel, aber nicht weiter spektakulär aus:

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Etwas weiter Richtung Bodensee war dann auch der eigentliche Spielverderber bei seiner Arbeit zu erkennen: Es herrschte immer noch starker Föhn:

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Dieser trocknete die Grundschicht unter der EML massiv aus und verhinderte Konvektion aus selbiger. Alles was blieb war Konvektion, die ihren Ursprung über der EML hatte. Diese Konvektion und die daraus resultierenden Niederschläge sind gut im obigen Bild zu erkennen. Diese „elevated“ Konvektion ist i.d.R. nicht besonders kräftig, sofern sie sich nicht in eine feuchte Grundschicht „durchfressen“ kann. Auch gut zu sehen ist, dass der Niederschlag größtenteils in der vom Föhn ausgetrockneten Grundschicht verdampfte (die Fallstreifen reichen kaum zum Boden). Da der Föhn kaum Auflösungserscheinungen zeigte war nun auch klar, dass es mit stärkeren Gewittern wohl nichts mehr werden würde. Die anrückende Gewitterfront schwächte sich – wie erwartet – deutlich ab. Etwas westlich von Friedrichshafen blieb nicht mehr all zuviel davon übrig:

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Auch hier ist der elevated Charakter und der Föhn im Hintergrund gut zu sehen. Dennoch sorgte die Gewitterlinie für starken Wind und einige Blitzeinschläge.

Man sollte kaum glauben, dass es in Sachen Gewitter noch Menschen mit höherer Risikobereitschaft als die Sturmjäger gibt. An jenem Tag wurde ich eines Besseren belehrt: Trotz (bzw. genau wegen) aufkommendem Sturm sprangen zwei Windsurfer mit ihren Brettern ins Wasser:

Dabei ist der Wind die kleinste Gefahr. Beim Durchzug schlugen jedoch einige Blitze in unmittelbarer Umgebung ein, sodass es selbst am Strand zu gefährlich wurde. Auf dem Wasser mit dem Segelmast ist die Gefahr dann einmal um ein Vielfaches höher. Außerdem droht eine immer wieder unterschätze Gefahr: Immer wieder ertrinken Menschen im Bodensee bei (Gewitter-)Stürmen. Dies aber meist nicht etwa weil sie nicht schwimmen können. Der starke Wind in Kombination mit starkem Gewitterregen erzeugt auf dem See eine kräftige und feine Gischt. Fällt man daher bei solchen Bedingungen ins Wasser und hat dem Kopf nur etwas über der Wasseroberfläche, so kann eben diese Gischt das atmen erschweren/verhindern und man kann darauf hin „ertrinken“.

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