Squall-line, 14.07.2010

Dem eher gewitterarmen Juni 2010 folgte ein deutlich gewittriger Juli. Was sich jedoch in den Modellkarten für den 14.07. abzeichnete, sah bereits zwei Tage im Voraus sehr gefährlich aus:
Von Westen her näherte sich ein gut ausgeprägter Trog Mitteleuropa. Im Vorfeld wurde sehr warme und feuchte Mittelmeerluft nach Deutschland, Frankreich und die BeNeLux Staaten gelenkt. Dank dieser Warmluftadvektion wurde es am 13. und 14.07. nochmals sehr warm, bevor sich am Nachmittag und Abend des 14.07. die herein schwenkende und sehr gut ausgeprägte Kaltfront des Trogs bemerkbar machen sollte. Bei Durchsicht der Wettermodelle sah es für den 14.07. nach einer ausgeprägten Schwergewitterlage aus. Windscherung sollte bereits im Vorfeld ausreichend vorhanden sein (~ 25 m/s in den unteren Schichten, ~ 20 m/s in den mittleren Schichten), CAPE sollte sich dank uneingeschränkter Einstrahlung gut aufbauen können (1-2000 J/kg), das Timing stimmte (Durchgang am frühen Abend) und präfrontal wurde ein mäßig starker Deckel gerechnet. Einzig die Niederschlagsprognosen der grob, aber auch feinmaschigen Modelle war sehr zurückhaltend. Die Modelle zeigten auch, dass die heftigsten Entwicklungen weiter nördlich (NW Deutschland, BeNeLux) stattfinden sollten. Dieser Bereich lag damals im left-exit Bereich des Jets, was für kräftige und dynamische Hebung sorgen sollte. Weiter südlich waren einige Parameter zwar günstiger, die dynamische Hebung aber dafür nur schwach ausgeprägt. ESTOFEX vergab an diesem Tag für die nordwestlichen Landesteile sowie BeNeLux einen Level 3, was recht selten passiert.
Mein Fokus fiel daher weniger auf die Kaltfront oder eine kurz davor laufende Konvergenzlinie, als mehr auf präfrontale Entwicklungen, welche nicht unbedingt auf dynamische Hebung angewiesen sind. Solchen Gewitterzellen stand zwar der Deckel im Weg, sofern sie es jedoch geben sollte, wären sie sehr kräftig und bei den damaligen Scherungswerten vermutlich oft superzellulärer Natur. Leider muss man in den südlichen Teilen Deutschlands bei solchen Lagen auch immer den Föhn berücksichtigen. Gerechnet wurde er zwar, die Auswirkungen sollten aber nicht all zu stark sein. Bereits in der Nacht vom 13. auf den 14.07. brach der Föhn in den typischen schweizer Föhntälern durch und wehte auch am darauf folgenden Tag bis in die späten Mittagstunden. Er sorgte damit für sehr trockene Luft auch noch bis nach Baden-Württemberg. Präfrontale Entwicklungen gab es daher nicht. Auch während sich am Nachmittag weiter im Nordwesten langsam eine sehr große und durchaus heftige Gewitterlinie bildete, war es durch die trockene Luft des Föhns im Süden noch sehr ruhig. Solche Gewitterlinien (squall-line, linearer MCS) sind typisch für markante Kaltfronten bzw. vorgelagerte Konvergenzlinien im Sommer. Sie erreichen oft mehrere 100 km Länge und verursachen speziell durch starken Wind schwere Schäden.
Auch in der Schweiz fing am frühen Abend die Gewitterbildung an. Die Gewitterlinie erstreckte sich um 18:30 Uhr quasi von der Nordsee bis in die Region von Karlsruhe. Zwischen Karlsruhe und Basel befand sich ein nahezu wolkenloses Fenster und südlich von Basel Richtung schweizer Voralpen gab es ebenfalls Gewitter. Um 19 Uhr sah es schon danach aus, als würden die mittleren und südlichen Teile von BaWü leer ausgehen. Doch gegen 19:30 Uhr, als die gedachte Linie gerade den Schwarzwald passiert hatte, fing es auch bei uns an zu brodeln. Im Schwarzwald-Lee schössen plötzlich wie an einer Perlenschnur Quellwolken in die Höhe:

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Aus den Cu. con. wurden schnell immer größere Wolkentürme und schließlich entstand eine geschlossene Gewitterlinie:

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Ein Radarbild von 20:15 Uhr zeigt eine komplett geschlossene Gewitterlinie quasi von Zürich bis nördlich von Münster. Dass solche Ausmaße erreicht werden ist in Mitteleuropa eher selten. Die anhand der Parameter (von der dyn. Hebung abgesehen) zu erwarten war, befanden sich die Zellen mit der stärksten Radarreflektivität in BaWü.
Ich konnte die folgende Reifung der Gewitterlinie von meinem Standpunkt aus schön beobachten. Die tiefstehende Sonne hinter der Linie sorgte dabei für eine wirklich extreme und atemberaubende Stimmung:

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Quasi über meinem Kopf begann die Linie auch damit, eine shelf-cloud zu entwickeln:

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Einige Eindrücke des Aufzugs zeigt auch das folgende Video:

Der Durchgang an sich war nicht wirklich spektakulär. Etwas Wind, kurze Graupeleinlage und starker Regen sowie einige Wolkenblitze.
Die folgenden Radarloops des schweizer Niederschlagsradars zeigen schön die schnelle Bildung der Gewitterlinie im Schwarzwald-Lee (für Animation anklicken):

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Quelle: (C) meteoradar.ch

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