Fast and furious, 23.07.2009

Schon zwei Tage im voraus liesen die Modellkarten für Donnerstag, den 23.07. auf Gewitter hoffen. Die Bedingungen waren sogar so gut, dass man bereits zu dieser Zeit von einer Schwergewitterlage ausgehen konnte.

Ganz Süddeutschland sollte im Einflussbereich einer kurzwelligen Störung liegen, die vom Atlantik her nach Nordosten zog. Sehr entscheidend war auch, dass sich im Laufe des 23.07. über Bayern ein kleines Gewittertief bilden sollte. Warum dies wichtig war, dazu später mehr. Die Warmluftadvektion sah ebenfalls imposant aus (24-25 °C in 850 hPa). Generell wurde im Vorfeld noch einmal sehr warme und teilweise auch sehr feuchte Luft in den Südwesten gepumpt.
Die anderen Randbedingungen stimmten auch fast perfekt. Der Süden und Südwesten lag später im Bereich des sog. jet-streaks. Dabei handelt es sich um Bereiche des Jetstreams (also des Höhenwindes) mit sehr hohen Geschwindigkeiten. Im sog. left-exit Bereich des Jets werden die Luftmassen abgebremst und strömen auseinander. Diese Divergenz in ungefähr 300 hPa Höhe (~9100 m) sorgte großflächig für Hebung, einer Grundbedingung für die Entstehung von Gewittern. Auch das war wichtig an diesem Tag. Durch den jet-streak und die damit verbundenen hohen Windgeschwindigkeiten (WRF: ~ 70 kt in 500 hPa) bestand zum einen die Gefahr von sehr schnell ziehenden Gewittern (teilw. über 100 km/h) und zum anderen vor starkem Wind innerhalb der Gewitter selbst (der Abwind des Gewitters mischt die schnellen Winde in Richtung Boden herunter). Weiterhin lieferte der jet-steak eine sehr große Menge an vertikaler Windscherung (WRF: 0-3 km SRH ~ 200 m²/s²; 0-6 km bulk shear teilw. über 35 m/s, 0-3 km bulk shear teilw. über 25 m/s). Hebung und Scherung waren also genügend vorhanden. Fehlte noch die Energie (CAPE). Zwei Tage vorher sah es ganz danach aus, als ob es vor dem Eintreffen der Front noch einmal kräftig aufheizen könnte. Das Timing schien zu stimmen und hohe Taupunkte (WRF: 16-18 °C), MLCAPE um 1000-1500 J/kg (WRF) sowie ein guter Deckel rundeten in der Modellwelt diese unwetterträchtige Lage ab. Für die alpennahen Gebiete stellte sich jedoch die Frage, ob evt. auftretender Föhn die Lage entschärfen könnte. Hier kommt wieder das oben angesprochene kleine Tief ins Spiel, welches zur interessanten Zeit über Ostbayern liegen sollte. Es sollte dafür sorgen, dass die Windanströmung in den Voralpen der Schweiz und Bayerns nicht föhnträchtig war (Wind aus westlicher Richtung).
Am Tag vor der explosiven Lage wurde seitens der Modelle nochmal etwas nach oben korrigiert. Die Helicity-Werte lagen im Süden und Südwesten nun teilweise bei über 250 m²/s². Durch tiefe Wolkenbasen und gute Scherung auch in den untersten Stockwerken bestand zudem eine gewisse Tornadogefahr. Nach wie vor wurden erste Niederschläge erst am frühen Nachmittag gerechnet und die Zeichen standen auf Sturm. Auch die Wetterdienste gaben nun erste Vorwarnungen für den 23.07. heraus. Eine weitere synoptische Übersicht sowie eine Gefahreneinschätzung gibts bei ESTOFEX.

Nun zur Realität: Bereits in der Nacht vom 22.07. auf den 23.07. brach in der Schweiz und im bayrischen Alpenvorland der Föhn durch. Nach Mitternacht wurden teilweise Temperaturen von nur knapp unter 30 °C registriert. Auch bis in den Vormittag hinein blieb der Föhn aktiv. In weiten Teilen von Baden-Württemberg begann der Tag stark bewölkt und ohne Sonne. Richtung Schwarzwald waren bereits am Morgen einige Schauer und Gewitterzellen unterwegs. Dabei handelte es sich jedoch nicht um grundschichtbasierte Konvektion. Der Auslöser war vermutlich eine vorgelagerte Konvergenzzone. Was die Einstrahlung anging, sah es also eher mau aus. Zu erwähnen ist, dass dieser Faktor, zu dem auch die CAPE proportional ist, für die Entwicklung schwerer Gewitter wichtig sein KANN, aber nicht MUSS (die anderen Parameter waren ja ideal). Eine erste präfrontale Linie konvektiven Niederschlags erstreckte sich um 11:45 Uhr auf einer Linie Jura-Freiburg-Stuttgart. Dabei handelte es sich um schwache Konvektion. Diese Linie sorgte im Kreis Tübingen am Mittag für einen über einstündigen Regen. Die Erwartungen sanken immer weiter. Weiter Richtung Westen folgte aus Frankreich (etwa Höhe Lyon) ein kräftiger und ausgedehnter linearer Zellkomplex, der bereits recht gefährlich aussah.
In der Schweiz herrschte gegen 14 Uhr nach wie vor etwas Föhn der entstandene Konvektion schnell wieder den Gar aus machte. Doch um 14:30 Uhr war es dann endlich soweit: trotz der geringen Einstrahlung entwickelten sich zwei kräftige Zellen. Eine südwestlich von Genf, eine weitere am französischen Jura. Aufgrund der Zugbahnen war allerdings nur Letztere interessant. Beide Zellen vollzogen einen Zellsplit, wobei sich der Leftmover jeweils nach Kurzem auflöste. Die nördlichere Zelle passierte die Region Basel noch auf französischer Seite und zog über Freiburg weiter Richtung Schwarzwald. Die Geschwindigkeit der Zellen war – wie erwartet – sehr hoch. Die nördliche Superzelle passierte den Schwarzwald (was nicht selbstverständlich ist) und zog in meine Region. Ich begab mich schon früh auf Beobachtungsposition und konnte so den Aufzug von Anfang an dokumentieren.
Anfangs war es Richtung Südwesten nur dunkel, man konnte jedoch bereits sehen, dass etwas im Anzug war:

IMG_1850a IMG_1852b

Nach und nach wurden die Strukturen immer besser sichtbar. Man konnte den niederschlagsfreien Aufwindbereich der Zelle im Süden erkennen. Fallstreifen aus dem nördlichen Teil deuteten auf heftigen Niederschlag hin:

IMG_1858b IMG_1862a

Es zeichnete sich dann einer der schönsten und fotogensten Superzellen/Gewitter ab, die ich bisher dokumentiert habe. Man konnte die eingedrehte Form der Superzelle schön erkennen:

IMG_1863 IMG_1864a IMG_1872a IMG_1877a IMG_1879a

Die Strukturen waren atemberaubend! Die Zelle raste mit einer geradezu unglaublichen Geschwindigkeit die Albschiene entlang:

IMG_1883a IMG_1889a IMG_1890 IMG_1892 IMG_1894

Hier verschwindet gerade die Burg Hohenzollern bei Hechingen im Hagelvorhang:

IMG_1895 IMG_1896 IMG_1897

Am vorderen Aufwindbereich, der nun shelf cloud ähnlich aussah, bildeten sich immer wieder Absenkungen. Der komplette Aufwind war stets sehr turbulent und dynamisch. Bevor der Niederschlag auch mich erreichte, hier die letzten Bilder der Zelle auf ihrem Weg nach Reutlingen:

IMG_1901 IMG_1904 IMG_1906 IMG_1909

Der Hauptniederschlagskern ging ungefähr 5-10 km südlich meiner Position durch, sorgte aber auch dort für Hagelschlag. Obwohl sich die Zelle etwas abschwächte fielen auch noch in Reutlingen Hagelsteine mit ca. 3 cm Durchmesser. Anderenorts hatte die Zelle großen Hagel im Gepäck. Laut Medien erreichten die Schlossen im Schwarzwald-Baar Kreis (z.B. nahe Villingen-Schwenningen) Golfballgröße. Größere Schäden sind jedoch nicht bekannt. An meinem Standort brachte die Zelle kurzzeitig heftigen Regen mit kleinem Hagel sowie einige kräftige Böen zu Beginn.
Die südlichere Superzelle, welche sich bei Genf entwickelte, zog im weiteren Verlauf quer durch die Schweiz, das südliche Bayern und Teile von Österreich. Sie hinterließ dabei teilweise erhebliche Schäden. Aus der Schweiz gingen Meldungen von Hagel um 6 cm ein. Auch aus Bayern sind Meldungen von Hagel mit Tennisballgröße bekannt.

Zum Abschluss noch drei Radarloops des schweizer Niederschlagsradars. Auf dem ersten Loop sieht man deutlich den Niederschlag am Mittag. Auf Loop no. 2 und 3 sieht man die Superzelle bei Passage der Region Basel, Freiburg, des Schwarzwaldes und schließlich kurz vor dem Eintreffen an meiner Position. Auch die riesige schweizer Superzelle ist zu sehen (für Animation auf das jew. Bild klicken):


Quelle: (C) meteoradar.ch

Quelle: (C) meteoradar.ch

Quelle: (C) meteoradar.ch

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s