Downburst, Baitenhausen (Bodensee), 29.06.08

An jenem Sonntag fand das Endspiel der Europameisterschaft statt. Da auch Deutschland mit von der Partie war, spielte deshalb Fußball die Hauptrolle und Gewitter (anfangs) kaum. Aus Zeitgründen konsumierte ich damals nur die Übersichten der Wetterdienste und schaute mir die Wetterkarten nicht explizit an (Einschätzung ESTOFEX). Gewitter waren demnach möglich, mit kräftigeren Ereignissen rechnete ich aber erst in der Nacht. Am frühen Abend verlegte ich meinen Standpunkt zwecks des Fußballspiels an den Bodensee, etwas nördlich von Meersburg. Gottseidank packte ich die kleine Digi-Cam noch ein. Auf der Fahrt bemerkte ich hartnäckige Quellungen über dem Hegau, welche man durch den Dunst nur schwer sah:

Die Feuchte in der Grundschicht war hoch, wie man auch im oberen Bild an der Lichtbrechung (-> „Sonnenstrahlen“) sehen kann.
Was ich zu diesem Zeitpunkt nicht wusste und was auch die meisten Wetterdienste in dem Ausmaß zu spät erkannten: Der Höhentrog – ein oft sehr wetterwirksames System – dessen Auswirkungen erst für die Nacht und den nachfolgenden Montag in Form von konvektivem Niederschlag erwartet wurden, zeigte seine Wirkung deutlich früher und kräftiger als erwartet. Auch in den schweizer Voralpen bildeten sich bereits am Nachmittag einige kräftige Gewitterzellen.

Kurz vor 19 Uhr war es dann soweit: Während ich mit Essen beschäftigt war entstand aus den Quellungen über dem Hegau eine Gewitterzelle. Sie bildete sich quasi genau über dem Hohenwehen (Hegauvulkan). Bereits kurze Zeit nachdem sie auf dem Radar erschien, erreichte sie sehr hohe Reflektivitäten (= sehr starker Niederschlag, oft Hagel) und vollzog einen Zellsplit (zu einer vereinfachten Erklärung s. hier). Für die Animation der Radarloops bitte anklicken:


Quelle: (C) meteoradar.ch

Der entstandene Leftmover zog nach NO und war recht kräftig. Der Rightmover zog unter weiterer Intensivierung über den Bodanrück genau auf mich zu:


Quelle: (C) meteoradar.ch

Ich bemerkte ihn erst, als er langsam anfing die Sonne zu verdecken. Aufgrund der Gestalt der Gewitterzelle ahnte ich recht früh, dass es sich um eine kräftigere Angelegenheit handeln könnte. Auch die Tatsache, dass die Zelle eine ungewöhnliche Zugrichtung aufwies bestätigte diese Vermutung. Auf dem folgenden ersten Bild ist die Zelle kurz nach ihrer Entstehung um 19:16 Uhr zu sehen. Auf dem zweiten Bild sieht man den starken Aufwindbereich und einen ausgeprägten overshooting-Top um 19:38 Uhr:

Von nun an ging alles sehr schnell. Das Abendessen wurde unterbrochen und viel Hausrat versorgt. Ein kurzer Blick nach Westen zeigte, dass es sich wirklich um eine gefährliche Zelle handelte.

SZ-033a

Die Niederschlagsfreie Aufwindbasis wurde sichtbar. Dahinter konnte man bereits deutliche Fallstreifen – oft ein Zeichen für Hagel – erkennen (20:04 Uhr):

3a

Während die Autos vor etwaigem Hagel schon einmal in Sicherheit gebracht wurden, schlugen aus der doch noch recht entfernten Zelle zwei positive Blitze ganz in der Nähe ein. Es brach nun Hektik aus, wurde der Abend doch ursprünglich ganz anders geplant. Nicht einmal 5 Minuten später stiegen vor den immer deutlicher sichtbaren Fallstreifen Feuchtpakete extrem rasch in Richtung Aufwindbereich auf:

4a

Um 20:20 Uhr stand dann fest: Es wird nun gleich ziemlich übel! Eine massive Hagelwand näherte sich rasch:

Noch herrschte die bekannte Ruhe vor dem Sturm (und hier im wahrsten Sinne des Wortes): Es war absolut windstill. Bemerkenswert war außerdem, dass die Zelle eine extrem geringe Blitzfrequenz aufwies. Abgesehen von den beiden positiven Blitzschlägen aus dem Amboss konnte ich nur wenige weitere Donner hören.
Gegen 20:22 Uhr begann das Unwetter dann: Anfangs konnte man sehen, wie sich die Bäume des Waldes (s. unten im obigen Foto) anfingen zu biegen. Man konnte eine nebelartige Masse sehen, die über den Wald gekrochen kam. Erste Hagelkörner fielen: sie hüpften nach ihrem Aufprall wieder weit in die Höhe. Sie waren geschätzt 3-4 cm groß. Der Hagel fiel dichter und dichter und es begann zu stürmen. Unter den Hagel, der durch den extrem starken Wind fast waagerecht fiel, mischte sich sehr feiner Regen (etwas zwischen Nieselregen und Nebel). Der Sturm wurde immer stärker und erreichte schließlich Orkanstärke. Die beschriebenen Erscheinungen fasst man meteorologisch unter dem Wort Downburst zusammen (weitere Erklärung s. unten). Im näheren Umfeld konnte man – sofern es die Sichtweite zuließ – erkennen, wie sich alles Mögliche in seine Einzelteile zerlegte. Der waagerecht fliegende Hagel hatte den Effekt eines Sandstrahlers. Die Bäume verloren anfangs Blätter und kleinere Äste, später fast ihr gesamtes Blattwerk und dicke Äste. Einige Bäume einer nahegelegenen Obstwiese brachen einfach ab. Auch die massiven, über 100 Jahre alten Eichen neben dem Gebäude verloren zwei dicke Äste und viel Blattwerk. Der Wind drehte dann von anfangs WNW auf N und verstärkte sich sogar noch einmal kurz. Gut 10 Minuten nach Beginn hörte der Sturm und Hagel/Regen schlagartig auf.

Hier ein Video des Durchzugs. Da es eine kleine DigiCam war ist die Qualität leider bescheiden. Aufgrund des suboptimalen Videoformats hat auch das Rendern von youtube noch etwas an Qualität gekostet. Die Bedingungen während des Filmes waren natürlich auch nicht ideal, weswegen es schon ziemlich wackelig ist. Außerdem musste ich den Ton heraus nehmen. Außer lautem Rauschen durch den Sturm hätte man aber ohnehin nicht viel gehört. Trotzdem kann man sehen, mit welcher Wucht der Downburst durchzog.

Die Zelle bot bei ihrem von Sonnenschein begleiteten Abzug entlang des Bodensees einen geradezu trügerisch harmlosen Anblick. Einzig die Fallstreifen verraten die Wucht, die dahinter steckte:

Etwas weiter nördlich hatte sich in der Zwischenzeit eine weitere Zelle gebildet, die dort (Oberschwaben) ebenfalls für Hagelschlag mit 1-2 cm sorgte:

Nördlich von Meersburg ging es nun jedoch erstmal um eine erste Bestandsaufnahme. Der Strom war ausgefallen, das Telefon tot. Es war 20:45 Uhr, doch an Fußball dachte ich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr. Die bereits stark angetauten Hagelmassen waren rings um das Haus zu finden. Die einzelnen Körner hatten aber trotz des Abtauens immer noch 2-3 cm Durchmesser:

SZ-047a

Die Schäden am Haus beliefen sich zunächst auf mehrere zerschlagene Rollläden, viele Dellen im massiven Holztor der Garage, tiefe Dellen im YTong, völlig zerfetzten Pflanzen im Garten und einige abgebrochene/entwurzelte Obstbäume auf der Obstwiese:
SZ-054a

Da es bald begann zu dämmern, man daher eh nichts mehr sah und der Strom immer noch weg war, war der Abend gelaufen. Für eine weitere Schadensanalyse reichte es vorerst also nicht. Ich war mir jedoch sicher, dass es massive Schäden gegeben haben musste. Auf der nächtlichen Heimfahrt wurde dies im Radio bestätigt. Der kleine Ort Baitenhausen, etwa 1 km nördlich von meiner Position an jenem Tag, wurde so schwer getroffen, dass er längere Zeit von der Außenwelt abgeschnitten war. Aufgrund der dramatischen Schilderungen im Radio fuhr ich am Tag darauf nochmals in die Region um mir selbst ein Bild der Zerstörungen zu machen. Entlang der Zugbahn der Zelle fand ich mich in einer Spur der Zerstörung wieder. Speziell in Baitenhausen waren die Schäden an Vegetation und Gebäuden enorm. Sie zeigten die enorme Wucht, mit der das Unwetter zugeschlagen hatte:

IMG_5151 23IMG_5186 IMG_5172 IMG_5129

Viele Bäume brachen einfach ab, wurden gespalten oder entwurzelt. Die Mais- und Kornfelder in der Region waren vollkommen zerstört. Einige Gebäude verloren zahlreiche Dachziegel, eines sogar fast das halbe Dach. Der Hagel zerdellte viele Gegenstände und Autos. Sogar eine Obstplantage, gestützt mit Betonpfeilern, wurde quasi einfach platt gewalzt:

IMG_5156 IMG_5128 IMG_5171

Die Schäden an den Maisfeldern reichten von schlimm über sehr schlimm hin zu „Matsch“:

IMG_5158 IMG_5161 IMG_5165

Die Wetterstationen von Meteomedia registrierten ebenfalls Rekordverdächtige Windgeschwindigkeiten. Diese wurden in einer Sondermeldung veröffentlicht:

„SONDERINFORMATION

Unwetter am Bodensee

Am Sonntagabend traten in der Bodenseeregion teils heftige Gewitter mit Starkregen und Böen bis Orkanstärke auf. Hier eine Übersicht über die stärksten gemessenen Böen: 119 km/h in Ueberlingen, 109 km/h in Dettingen (Konstanz) und 104 km/h in Uhldingen-Muehlhofen. Dazu fielen Regenmengen bis zu 20 Liter pro Quadratmeter innerhalb nur einer Stunde.“

(Quelle: Meteomedia)

Man kann dabei davon ausgehen, dass die Windgeschwindigkeiten örtlich sicher einiges über diesen Werten lagen. Anhand der Schäden hatten einige Böen um 140 km/h.

Wie konnte es zu einem solchen Ereignis kommen?
Eine solche Wucht und die damit einhergehende Zerstörung findet man häufig bei Superzellen. Nicht selten produzieren diese größeren Hagel und/oder auch Downbursts. Auf den ersten Blick scheint auch fast alles für das Vorhandensein einer Mesozyklone zu sprechen: Zellsplit, Rightmover mit (leicht) abweichender Zugbahn, Aufwind im südlichen Teil sowie eine Lebensdauer der Zelle von 2 Stunden. Bei genauerem Hinsehen gibt es jedoch auch Punkte, die gegen eine Superzelle sprechen: keinerlei Wolkenabsenkungen (wall-cloud), Anbau der Zelle im SO statt Mesozyklone (evt. auch Erklärung für das Ausscheren). Auf den Bildern des schweizer Dopplerradars konnte zudem keine signifikante Rotation in den unteren Schichten erkannt werden. Zur damaligen Wetterlage sei gesagt, dass Windscherung zwar vorhanden war, das Profil der Scherung aber nicht wirklich ideal war für klassische Superzellen. In solchen Fällen wird häufig der leider etwas überreizte Begriff „Hybrid-Zelle“ gebraucht. Dabei handelt es sich formal um eine Mischform zwischen (gut organisierter) Multizelle und Superzelle. Es ist z.B. durchaus denkbar, dass nur die oberen Stockwerke des Aufwinds rotierten. Zudem kann die Scherung durch lokale/orographische Gegebenheiten so beeinflusst/verändert/verstärkt werden, dass es trotz ungünstiger Parameter zur Bildung von Mesozyklonen kommt.
Die starken Winde aus solch einer Gewitterzelle nennt man, wie bereits schon erwähnt, Downburst. In diesem speziellen Fall kann man sogar noch eine weitere Klassifizierung vornehmen. Demnach handelte es sich um einen sog. Wet-Microburst. Eine kurze Erklärung lautet wie folgt: Fällt der Abwind – d.h. der Niederschlag aus Regen/Graupel/Hagel – einer Schauer- oder Gewitterzelle auf dem Weg zum Boden durch sehr trockene Luftschichten, so verdunstet der Niederschlag teilweise (oder manchmal sogar vollständig). Bei diesem Prozess wird dem Abwind aufgrund der Verdampfungswärme thermische Energie entzogen – die Luft wird also abgekühlt. Je kälter die Luft ist, desto höher ist ihre Dichte. Die kältere Luft stürzt also noch schneller in Richtung Boden. Trifft sie schließlich auf den Boden, verursachen diese bis zu mehreren hundert km/h schnellen Fallwinde extremen Schaden. Die Winde verteilen sich dabei ähnlich dem Wasser aus einem Wasserballon, der auf dem Boden platzt, in alle Richtungen.
In diesem Fall war es zusätzlich die Kombination aus sehr starkem Wind und größerem Hagel, die für den Schaden speziell an der Vegetation verantwortlich war.

Die Wetterdienste warnten an jenem Tag nur sehr verhalten vor Gewittern. Ein glücklicher Umstand hat vermutlich dennoch dafür gesorgt, dass es damals zu keinem ernsten Personenschaden kam: Die Zelle fiel zeitlich fast genau auf das Endspiel der EM. Dadurch waren – auch auf dem Bodensee – vermutlich deutlich weniger Menschen unterwegs, als es an einem anderen sommerlichen Sonntagabend der Fall gewesen wäre.

Das Unwetter schaffte es auch in die Medien (nicht nur regional):

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s